Neuss (NGZ). Neuss Ha, es klappt! „Neutrales Bühnenbild. Im Hintergrund drei gleiche Türen. Beim Aufgehen des Vorhangs sind alle Personen auf der Bühne. Sie plaudern, stricken oder spielen Karten. Der Sprecher tritt vor.“ Das Drama kann beginnen. Nicht auf der Bühne, überhaupt nicht in Bildern, sondern in Worten - und zu lesen auf einem Computer-Bildschirm. Leider nur bis Seite 11 - dann bricht das Geschehen schlagartig ab.
Da hilft nur eins: Ab in den Korb, und dann darf „Antigone“ von Jean Anouilh als so genanntes E-Book 14 Tage auf dem Bildschirm verweilen, sogar zur „Eigenen Datei“ aufsteigen oder einen Sonderplatz auf dem USB-Stick einnehmen. Selbst ausdrucken lässt sich das gute Stück, so dass aus dem virtuellen Buch fast wieder ein richtiges, zumindest aber Papier wird. Das lässt „Der Gott der Stadt“ nicht mit sich machen. „Drucken nicht erlaubt“ heißt es kategorisch unter dem Stichwort „Nutzungsbedingungen“ für die Interpretation zum Gedicht von Georg Heym. Auch gut, dann wird das Werk eben auf dem Computer gespeichert ...
Nutzung
In der „Schnupperphase“ kann jeder Besitzer eines Leseausweises (16 Euro) die OnlineBibliothek kostenlos nutzen. Später ist daran gedacht, für Online-Nutzer
die Ausweisgebühr auf 20 Euro anzuheben. Die Handhabung der Buchung ist überschaubar, weil der Nutzer Schritt für Schritt weitergeleitet wird. (Start auf www.stadtbibliothek-neuss.de)
Spätestens da tappt auch der computererfahrene Literaturfreund in die Falle der neuen „OnlineBibliothek“ der Neusser Stadtbibliothek. Wer sich im Haus am Neumarkt ein Buch, ein Video, eine CD oder ein Hörbuch leiht, muss es in der Regel nach vier Wochen zurückbringen. Als Online-Nutzer kann man sich zwar den Weg sparen, aber wenn Antigones 14 Tage auf dem heimischen Computer um sind, wird sie unbrauchbar - und das gilt auch für all ihre elektronischen Kopien.
So spektakulär wie einst bei „Mission impossible“, wo sich die Bänder mit Geheimaufträgen meistens zischend und qualmend in Nichts auflösten, geht das nicht ab: „Die Medien lassen sich einfach nicht mehr öffnen“, sagt Dr. Alwin Müller-Jerina. Der Leiter der Stadtbibliothek hat rund 30 000 Euro in die Hand genommen, um die OnlineBibliothek als Zusatzangebot ins Programm zu nehmen.
Er hievt sein Haus damit in einen zurzeit noch exklusiven Kreis: Erst ein knappes Dutzend Bibliotheken bietet in der Bundesrepublik diesen Service an, bei dem der Nutzer sich ein Buch, ein Hörbuch, einen Film, eine Zeitschrift (zurzeit nur den „Spiegel“) und eine Musik-CD auf den heimischen Computer holen kann. Die technischen Voraussetzungen (Adobe Reader, Microsoft Windows Media Player) sind übrigens per Mausklick von der Homepage herunterzuladen.
Für 6500 Medien hat die Neusser Einrichtung Lizenzen gekauft - die sind je nach Verlag mit unterschiedlichen Nuztungsbedingungen versehen - und sich dabei im Bereich der E-Books vor allem auf Sachbücher und Ratgeber konzentriert. Einen Roman wird man lieber in die Hand nehmen wollen, vermutet Müller-Jerina nicht zu Unrecht, „aber sich mal eben einen Reiseführer herunterladen - das ist doch eher wahrscheinlich“. Und dann hat er noch die Schüler im Sinn, die abends feststellen, dass sie für ihr Referat am nächsten Tag noch Sekundärliteratur gebrauchen können ...
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