Neuss (NGZ). Neuss Friedhelm Farthmann und die Neusser - es wurde eine Liebe auf den zweiten Blick. Für die anfängliche Distanz, die der ostwestfälischen Gewerkschaftler und die selbstbewussten Rheinländer pflegten, steht der Begriff „Fracksausen“. Farthmann, als Landtagsabgeordneter mit Wahlkreis in Neuss zum Schützenfest eingeladen, weigerte sich als Ehrengast zur Parade den bürgerlichen Frack anzuziehen.
So blieb für ihn nur die Zuschauerrolle auf dem Rathaus-Balkon. Das war Anfang der 1980-er Jahre. „Ich war damals etwas stur“, sagt der Vollblutpolitiker heute rückblickend mit einem Schuss Altersmilde, „doch damit habe ich den guten Willen der Neusser verletzt. Es tut mir leid.“
Friedhelm Farthmann und die Neusser haben längst ihren Frieden gemacht. Mehr noch: Sie mögen sich. Der Politiker formuliert das so: „Wie sehr mir die Stadt ans Herz gewachsen ist, habe ich schmerzlich bemerkt als ich meinen Neusser Wahlkreis aufgegeben hatte.“ Am Mittwoch Abend gab’s ein Wiedersehen - über die Parteigrenzen hinweg. Der 77-jährige Farthmann, sozialdemokratisches Urgestein, machte aus dem Neujahrsempfang der SPD ein gesellschaftliches Ereignis: Über 500 Vertreter aus Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Kirche, Sport und Kultur kamen ins Foyer des Rheinischen Landestheaters. Darunter viele Wegbegleiter und auch politische Widersacher des einstigen Spitzenpolitikers. Mit Elfriede Klein (88), die der Neusser SPD seit Jahrzehnten Gesicht und Gewicht gibt, tauschte er herzliche Worte, ebenso mit dem CDU-Altmeister Dr. Heinz Günther Hüsch oder dem Unternehmer Hermann-Josef Werhahn.
Koalition: Zweite Reihe
Die Neusser SPD wurde 1889 gegründet. Sie zählt heute rund 700 Mitglieder, die in sieben Ortsvereinen organisiert sind. Politische (Wahl-)Erfolge blieben
bisher rar. Witzelt Vorsitzender Jakubassa: „Mit den Karnevalisten bilden wir
eine Koalition der zweiten Reihe. Sie haben die Schützen vor der Nase, wir die
CDU.“
Im Gespräch mit der gut aufgelegten Journalistin Beate Kowollik verriet Farthmann, dass sein Besuch in Neuss auch etwas von „Rückkehr in meine politische Heimat“ habe. In der Quirinusstadt schrieb er jedenfalls Geschichte. Er war der erste Sozialdemokrat, der in Neuss sein Landtagsmandat (1985, 1990) direkt gewann. Vier Mal trat er an, vier Mal war Siegfried Zellnig (CDU) sein Mitbewerber, der sich 1980 und 1995 durchsetzte - unentschieden.
Farthmann war Sozialminister und Chef der SPD-Fraktion im Landtag. Heute pflegt der Jurist seinen Wald am Rande der Lüneburger Heide und geht auf die Jagd. Die (Tages-)Politik verfolgt er nur noch aus der Distanz. Mit Ratschlägen hält er sich zurück. „Wer raus geht, der soll sich auch raushalten“, sagt er konsequent, sagt aber auch: „Die nachrücken wollen nicht deinen Rat, die wollen deinen Posten.“
„Man siehet die im Lichte“, sang RLT-Schauspielerin Tini Prüfert, „die im Dunkeln sieht man nicht.“ Wie Brecht es in der Moritat von Mackie Messer formuliert, so hält’s auch die Neusser SPD. Mit ihrem großen Neujahrsempfang sind sie in eine lichte Nische getreten, in der sie nicht zu übersehen sind. SPD-Chef Benno Jakubassa: „Davon habe ich bisher nur geträumt.“
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