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Neuss: „Mancher fällt durchs Raster“

VON FRANK KIRSCHSTEIN - zuletzt aktualisiert: 04.11.2007 - 21:30

Neuss (NGZ). Neuss Barrierefreies Wohnen, betreutes Wohnen, Wohnen mit Service - Leben im Alter ist ein Trendthema. Politik, Wohnungsbaugesellschaften, Wohlfahrtsverbände, sie alle beschäftigen sich damit. Alles klar? Mitnichten, sagt Dagmar Schwedler, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirchengemeinden in Neuss.

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Barrierefreiheit

Barrierefreiheit bedeutet, dass Gegenstände und Einrichtungen so gestaltet werden, dass sie von jedem Menschen unabhängig von einer eventuell vorhandenen Behinderung uneingeschränkt benutzt werden können. Infos im Internet: www.barrierefrei.de.

Sie sieht eine ganze Bevölkerungsgruppe mit steigendem Alter und wachsender Hilfebedürftigkeit mit einer ungewissen Zukunft konfrontiert: „Um dem demographischen Wandel hin zu einer Gesellschaft, in der der Anteil älterer Menschen kontinuierlich steigt, gerecht zu werden, müssen wir innerhalb von zehn Jahren dafür sorgen, dass 30 Prozent des Wohnraums barrierefrei zur Verfügung stehen.“

Modellprojekte in Neuss

Nun gibt es gerade in Neuss bereits eine Reihe von Projekten für das Leben im Alter, zum Beispiel das Konzept „Wohnen mit Service“ im Meertal in Kooperation des Neusser Bauvereins mit dem Diakonie-Tochterunternehmen „NOAH“. Im Neubaugebiet „Südliche Furth“ findet die Idee, die bundesweit als vorbildlich anerkannt ist, ihre Fortsetzung. Und dennoch sieht Dagmar Schwedler das Problem „Wohnen im Alter“ noch lange nicht gelöst.

Der Hintergrund: „Die meisten Angebote für barrierefreies Wohnen sind für Menschen mit einem Jahreseinkommen von maximal 15 000 bis 20 000 Euro netto geeignet.“ Fast alle barrierefreien Wohnungen, in denen auch Menschen, die durch Alter, Krankheit oder Behinderung in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, selbständig leben können, dürfen nur von denen gemietet werden, die Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein haben. Der Grund: Solche Wohnungen werden öffentlich gefördert, was für die Bauherren finanziell attraktiv ist, allerdings eine soziale Zweckbindung nach sich zieht.

So weit, so gut und richtig, meint die Geschäftsführerin der Diakonie, problematisch werde es jedoch für diejenigen, die im Alter eine geeignete Wohnung suchten und mehr verdienten - mehr, aber dennoch nicht genug, um sich in eine der ebenfalls angebotenen, aber vergleichsweise teuren barrierefreien und auf die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnittenen Eigentumsanlagen einzukaufen: „Wer heute noch ganz gut verdient und damit auch Stütze der Gesellschaft ist, droht durchs Raster zu fallen.“

Zwar würden in den nächsten Jahren hunderte Wohnungen frei, barrierefrei seien sie jedoch nicht. Schwedler ist mit Wohnungsbaugesellschaften und der Politik im Gespräch. Die Reaktionen: „Die Politik zeigt sich interessiert, verweist jedoch darauf, dass die öffentliche Hand das Problem nicht lösen könne.“ Auf Seiten der Wohnungseigentümer hingegen würden offenbar größere Investitionen in barrierefreies Wohnen für den freien Markt - ohne staatliche Förderung - gescheut.

Auf bis zu 50 000 Menschen schätzt Schwedler den Bedarf für barrierefreies Wohnen in Neuss in den kommenden zehn Jahren. Dabei ist die Nachfrage bereits groß, das zeigen Erfahrungen der Diakonie mit Interessenten an den Wohnungen „Südliche Furth“: „Die Nachfrage aus dem Mittelstand ist massiv. Vielen mussten wir jedoch sagen, dass sie für eine Wohnung dort einfach zu viel verdienen.“

In der Konsequenz macht sich Schwedler für Investitionen in den barrierefreien Umbau von Immobilien stark. Und nicht nur das, denn zu einem echten Konzept für ein Altern in Würde gehört aus ihrer Sicht mehr als ein Verzicht auf Stufen oder das Anbringen von Haltegriffen im Bad: „,Alten-Komplexe’ sind der falsche Ansatz. Dauerhaft können wir Leben im Alter nur neu organisieren, wenn wir Nachbarschaftshilfe initiieren.“

Wie im Meertal erprobt und in der ,Südlichen Furth’ geplant, müssten alte und junge Menschen in den Wohnquartieren wieder zu Nachbarn werden: „Entgegen der allgemeinen Auffassung sind junge Leute sehr wohl zu motivieren, älteren zu helfen.“ Im Gegenzug seien Senioren heute lange leistungsfähig und könnten etwa jungen Familien unter die Arme greifen. Schwedler ist sich sicher: „Solche Nachbarschaft ersetzt keinen Pflegedienst - das ist nicht beabsichtigt -, aber gemeinsam mit niedrigschwelligen Angeboten des ,Wohnens mit Service’ sorgen sie dafür, dass Menschen ihre Selbständigkeit lange behalten können und manche höhere Pflegestufe gar nicht nötig wird.“

Quelle: NGZ


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