Neuss (NGZ). Alljährlich, wenn die Radstars kommen, wird die Kaiser-Friedrich-Straße zur Champs-Élysées von Neuss. 15.000 Zuschauer machten am Mittwoch die "kleine Tour" zum Erlebnis. Doch den Veranstalter plagen Geldsorgen.
Vom Jubel der begeisterten Zuschauer begleitet schoss Tony Martin (25, Team Columbia) um 21.18 Uhr über den Zielstrich auf der Kaiser-Friedrich-Straße. Der große Hoffnungsträger des deutschen Radsports hatte gewonnen – nach zwei zweiten Plätzen im Rotterdamer Prolog und im Medoc-Zeitfahren bei der "Tour de France". Hoffnung tut Not, denn wer genau hinschaute, der entdeckte im Meer der strahlenden Gesichter auch nachdenkliche Mienen. Wurde mit dem neunten Sieger seit 2002 auch der letzte Sieger der "Tour de Neuss" abgewunken?
Ohne dieses Sportspektakel wäre der Neusser Sommer ärmer, denn die Zutaten stimmen: Ein gestrafftes Programm mit Elementen des Breiten- und Jugendsports, deutliche Akzentuierung auf die Stars der am Sonntag auf den Champs-Élysées zu Ende gegangenen Tour de France, ein schneller Rundkurs im Gründerzeit-Viertel der Innenstadt, ein attraktives Rahmenprogramm und viele gut gelaunte Zuschauer, auch wenn die Fans schon wesentlich dichter am Straßenrand standen. "Ohne Moos nichts los", sagt Uwe Pommer, Geschäftsführer des ausrichtenden Neusser Radfahrervereins (NRV). Die Sponsorengelder gingen nach Angaben des Vereins um 20 Prozent zurück. Steigen angesichts von Imageverlust im Dopingsumpf und Wirtschaftskrise weitere Geldgeber aus, steht die 10. Auflage der "Tour de Neuss" im kommenden Jahr zur Disposition.
Wurzeln Aus dem Neusser Radfahrer-Verein von 1888 und dem Verein Neusser Straßenfahrer von 1909 wurde der heutige Neusser Radfahrerverein von 1888/09.
Rennen Als Vorgänger der „Tour de Neuss“ (seit 2002) gilt der Halbklassiker, die Fernfahrt Neuss-Aachen-Neuss, die 1993 zum 30. und letzten Male ausgetragen wurde.
Dass will Marcel Wüst noch nicht einmal denken: "Neuss ist eine Radsportstadt." Der Ex-Profi entführte als fachkundiger Streckensprecher wiederum gemeinsam mit NGZ-Sportchef Volker Koch die Zuschauer in die faszinierende Welt des Radsports mit Ausreißversuchen, Windschattenfahren und Verfolgungsjagden. Längst sind viele der so genannten "Nach-Tour-Kriterien" in Deutschland eingegangen. Doping und Krise sind die Totengräber. Die Neusser stemmen sich bisher erfolgreich gegen den Trend und profitieren dabei davon, nicht von einem Großsponsor abhängig zu sein. Neuss hat viele Förderer, die kleine Beträge zahlen. "Springt einer ab, ist er leichter zu ersetzen", sagt Pommer. Am Ende muss aber eine mittlere, zweistellige Tausend-Euro-Summe stehen.
Aber es gibt Hoffnung, und die Hoffnung hat einen Namen: RWE. Erstmals trat am Mittwoch der Essener Energieriese, inzwischen auch strategischer Partner der Stadtwerke Neuss, bei der "kleinen Tour" als Sponsor auf. Pressesprecher Jürgen Esser fand Gefallen am Radsport: "Tolle Stimmung. Toller Sport. Tolle Veranstaltung." Da kehrte der alte Kampfgeist bei NRW-Chef Stephan Hilgers zurück: "Wir wollen die zehnte Veranstaltung. Die Neusser Radsportfans haben das verdient."
Und die Radprofis auch. Es gibt noch wenige deutsche Kriterien. Rhede und Hannover folgen, Neuss machte den Anfang. "Wenn wir in schweren Zeiten durchhalten, wird man uns das in guten Zeiten nicht vergessen", sagt Hilgers, "darum investieren wir jetzt in die Zukunft."
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