Neuss (NGZ). Neuss Kein Geld, kein Job, keine Wohnung: Seit einem Jahr macht Achim Rudolf Platte, lebt auf der Straße. Mal wieder. Aber der 49-Jährige fühlt sich auch nach einem Jahr Obdachlosigkeit nicht so hilfebedürftig, dass er verwaltet werden müsste, will sich selber, wie er sagt, „aus diesem Strudel heraushelfen“. Wenn das so einfach wäre. Nach einigen Enttäuschungen tat er am Mittwoch den Schritt an die Öffentlichkeit.
Bis Samstag wird er gemeinsam mit Lebensgefährtin Manuela Bollock (38) und dem Schicksalsgefährten Peter Zikarsky (39) auf der Niederstraße campieren, in einer genehmigten Demonstration Handzettel verteilen. Ihr Wunsch und Ziel der Aktion: „Wir erhoffen uns durch die Aktion, dass Menschen auf uns zukommen und uns Wohnraum anbieten“, sagt Rudolf, der allerdings auch erkannt hat: Diejenigen, die helfen könnten, sind nicht unbedingt die, die tagsüber durch die Fußgängerzone laufen. „Die haben meist anderes zu tun.“
Die Demonstration der Drei macht ein Problem deutlich, das Obdachlose oft haben: Sie wollen zusammenbleiben, und sie wollen sich nicht von ihren Hunden trennen. Das geht in Neuss nicht überein. Hunde, so erklärt Sozialamtsleiter Peter Oebel mit Verweis auf die Hausordnung, haben zur Übernachtungsstelle am Derendorfweg keinen Zutritt „Da müssen sich die Menschen drauf einstellen. Wir sind nicht dazu da, ein Heim für Tiere zu finden.“
Aber auch Frauen werden am Derendorfweg nicht aufgenommen; ihnen wird im Fall der Fälle ein Zimmer in einem preiswerten Hotel vermittelt. So ist die Notunterkunft auf dem TÜV-Gelände für Achim Rudolf keine Option. Da übernachtet er lieber mit seinen Freunden an einem nur überdachten Platz an der leer stehenden Münsterschule, den ihm der Hausmeister zubilligte, und hält die nächtliche Kälte aus.
Aus dem Flugblatt
Mit 250 Flugblättern will Achim Rudolf auf seine Situation aufmerksam machen. Er hofft, dass die Zettel weitergereicht werden, so etwas wie Mund-zu-Mund-Propaganda in Gang kommt. Die Reaktionen am ersten Demonstrationstag fielen unterschiedlich aus. Manche bedauerten die drei Obdachlosen, andere übersahen sie. „Jeder denkt an sich“, sagt Rudolf, „jeder hat seine eigenen Probleme.“ In dem Text heißt es:
„Liebe Mitbürger, hiermit demonstrieren wir gegen Obdachlosigkeit. Auch Obdachlose wünschen sich ein Zuhause, weil wir Menschen sind und Gefühle haben. Auch Vierbeiner suchen ein Zuhause mit ihren Herrchen. Wir bitten um Verständnis und Mithilfe der Bürger, um an einen Wohnraum zu kommen.“
Auch das Zelt ist mehr als ein Blickfang. Es ist ein Symbol für Menschen ohne Obdach.
Schlichtwohnungen, wo die Stadt die drei Obdachlosen einquartieren könnte, sind auch nicht mehr im städtischen Besitz. Der Wohnungsbestand wurde dem Bauverein übertragen, der durch Um- und Neubauten heute zielgruppenorientiert Wohnraum schafft - für Senioren, für Mehrgenerationenwohnen - und den alten Bestand sukzessive saniert und modernisiert.
Passen da Menschen wie diese Obdachlosen noch hinein? Leerstand gebe es immer, so dass man Obdachlose - und sei es nur vorübergehend - dort unterbringen könnte, sagt Oebel, der überzeugt ist: „Wohnräume müsste es in Neuss geben, wenn jemand einen regulären Mietvertrag abschließen will.“
Müsste. Bei der Caritas hat man Sympathie für die Demonstration: „Der Forderung, mit seiner Freundin und einem Haustier zusammenleben zu wollen, kann man nur zustimmen“, sagt Geschäftsführer Reinhard Döring. „Das tue ich ja auch“. Aber wenn man aus der Obdachlosigkeit auf Wohnungssuche ist, sei das nicht so einfach.
Vermieter, so Werner Hein vom „Café Ausblick“ der Caritas-Wohnungslosenhilfe, seien nicht mehr so offen für Hartz-IV-Empfänger, seit diese Form des Arbeitslosengeldes gekürzt werden kann. Das schmälert die Akzeptanz dieser Menschen als Mieter zusätzlich.
Trotzdem wäre es Rudolf mit Hilfe der Caritas fast geglückt, eine Wohnung zu ergattern. Nachdem bei der Arbeitsverwaltung Arbeitslosengeld II beantragt und gewährt wurde und nachdem das Café Ausblick den Dreien eine Postanschrift gegeben und bei der Kontoeinrichtung geholfen hat. Das, so Rudolf, sei am Ende an der Bürokratie gescheitert. Dabei hatte er gehofft, dass das in Neuss anders wäre. Damals, als er in Offenburg die Zelte abbrach, um in Neuss sein Glück zu suchen.
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