Neuss (NGZ). Berlin Selten werden Schülersprecher so hofiert wie Phillip Brehl (17) und Sandra Riedel (16). Bundesministerin Annette Schavan persönlich machte ihnen am Freitag ihre Aufwartung auf dem Dach des Reichstags in Berlin.
Sie lud die beiden Neusser auch zum Mittagessen und nachmittags zum Kaffeekränzchen in ihr Büro. Eine seltene Ehre. Doch damit nicht genug: Schon am Vorabend des großen Empfangs hatte sie der Neusser Bundestagsabgeordnete Hermann Gröhe durch die Stadt geführt.
Das alles hatten sich die Schüler mit einer großen Portion Mut verdient. Als ihr Nelly-Sachs-Gymnasium im vergangenen Jahr das 50-jährige Bestehen feierte, traten Schülersprecher Phillip und die Kassenwartin der Schülervertretung, Sandra, ans Mikrofon.
Sie hielten eine sehr reflektierte Rede über Dinge, die ihnen an der Schule positiv auffallen, nannten aber auch die negativen Aspekte. Kopfnoten zum Beispiel. „Sie spalten das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern”, sagten sie und bemängelten, „wie viel Zeit auch für die Lehrer dabei ’drauf geht”.
Donnerwetter, dachte sich die Bundesministern, die als prominenteste ehemalige Schülerin in der ersten Reihe saß. „Das fand ich ganz schön pfiffig. Und rhetorisch war die Rede äußerst elegant”, sagte sie. Damals zwinkerte sie kurzentschlossen Hermann Gröhe zu, die beiden trafen eine heimliche Absprache, gingen zu den jungen Rednern und eröffneten: „Wir laden euch nach Berlin ein.”
Dort angekommen, pfiff allen vier Neussern gestern auf dem Dach des Reichstags ein frischer Wind um die Nase. Die Ministerin und Gröhe zeigten in alle Himmelsrichtungen, um den Nachwuchs mit der Hauptstadt vertraut zu machen.
Gröhe erklärte die „Blech-Else” und die „Schwangere Auster” und fügte hinzu: „Ich sagte ja schon, die Berliner mögen Spitznamen.” Die Ministerin wiederum verwies lieber auf den „Bundespressestrand”, ein Bundesgrundstück, auf dem demnächst ihr Bundesforschungsministerium neu gebaut wird.
Beide Politiker genossen sichtlich die Auszeit aus dem hektischen Alltag. Schavan schwelgte in Erinnerungen an die eigene Schulzeit. „Damals sollte ich einen Phantasie-Aufsatz über eine Reise zum Mond schreiben”, erzählte sie. Das Thema habe ihr nicht gelegen. Die Lehrerin notierte daraufhin unter die Geschichte: „Liebe Annette, das hätte ebenso ein Ausflug ins Sauerland sein können.” Später, in der Oberstufe, wurde Schavan selbst Schülersprecherin - wie Phillip heute.
„Viele Politiker haben schon als Schüler angefangen, sich zu engagieren”, erklärte Schavan. Sie selbst veranstaltete zu Beginn der 1970er Jahre so genannte politische Wochen am Nelly-Sachs-Gymnasium.
Sie lud Politikerinnen wie Annemarie Renger, die spätere Präsidentin des Deutschen Bundestags und Abgeordnete für den Wahlrkeis Neuss/Dormagen, zu Diskussionen ein. Das sei für sie ein erster wichtiger Schritt gewesen.
Phillip könnte sich gut vorstellen, eine politische Arbeit zu ergreifen. Sein liebstes Hobby ist Schauspielen, aber ein dreimonatiger Aufenthalt in Bolivien habe ihn davon überzeugt, sich engagieren zu wollen. Die Einladung der Ministerin kam daher wie gerufen. In Berlin konnten sich die beiden ein konkreteres Bild vom Politiker-Alltag machen. Beide hatten sich gut vorbereitet, viele Fragen überlegt und sich schick gemacht.
„Nachdem diese Einladung kam, haben sich manche an der Schule geärgert, dass sie damals die Rede nicht halten wollten”, sagte Phillip. Beim nächsten Mal könnte der Ansturm dementsprechend groß sein.
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