Neuss (NGZ). Neuss Lachen und Weinen verbinden; klagend beginnen und fröhlich enden - das war das innere Programm des Barockkonzertes „Cì ride, cì piange“, mit dem das „Combattimento Consort Amsterdam“ im Zeughaus auftrat.
Erfreulich widerlegte es zwar die ebenso verbreitete wie falsche Vorstellung, dass große Kunst nur aus Schmerz entstünde, das Heitere dagegen seicht sei, aber dennoch: John Dowlands „Lacrimae“ für fünf Streicher hatten solche Langeweile nicht verdient. Glattgebügelt erschien der Ausdruck von Klage, stereotyp die spannungslose Gestaltung eigentlich schmerzvoller Dissonanzen und melodischer Schärfen.
Zum Glück blieb der Beginn die einzige Enttäuschung des Konzertes, denn schon mit Johann J. Fux nahm die Gruppe Fahrt auf. Ensembleleiter Jan Willem de Vriend, lebhaft und kommunikationsfreudig, spielte hier als seltenes Klang-Bonbon die Piccolo-Violine.
Ein paar Fehler und Ungenauigkeiten trübten den schwungvollen Gesamteindruck kaum. Fuxens „Rondeau à 7“ war auch der erste Einsatz für das Fagott, das später noch bei Johann H. Schmelzers Werken eine witzige Rolle spielen sollte. Mögen „ernsthafte“ Fagottisten indigniert die Nase rümpfen über die Lachnummer, die ihr schönes Instrument hier abgeben soll - Fagottist Jos Lammerse lachte jedenfalls mit, und das auf sehr hohem Niveau.
In Ignaz F. Bibers „Balletti lamentabili à 4“ führten die Amsterdamer eindrucksvoll vor, dass der Blues keineswegs erst ein Seelenzustand der frühen Jazz-Zeit ist, sondern dass auch die „blue notes“, tiefalterierte Melodietöne, ihrer melancholischen Wirkung wegen bereits von Barockkomponisten eingesetzt wurden.
Nutzte erst das 20. Jahrhundert moderne Techniken? So fragte man sich auch bei Schmelzers skurrilem Stück „Polnische Sackpfeiffen“. Es erklang eine Musik-Collage, als ob einer immer wieder spielerisch am Senderknopf des Radios herumdreht. Bloß - das war Musik aus dem angeblich so betulichen 17. Jahr-hundert! Eine ungewöhnliche Handschrift, entdeckt und zu geistvollem Leben erweckt durch das „Combattimento Consort“.
Die beiden anderen Schmelzer-Werke „Lamento I“ und „Sonata à 5 al giorno delle Corregie“ waren kaum weniger interessant. Georg Ph.Telemanns Suite „La Bouffonne“ beschloss humorvoll das Konzert. Die starke Bassgruppe steuerte geräuschhafte Effekte bei, gar nicht politisch korrekt wurden die Hinkenden karikiert, manch steifer höfischer Tanz zerbrach in kompositorischen Auflösungstendenzen. Telemann hat ja Mozart noch erlebt, den Anbruch einer neuen Zeit.
Solch sinnenfrohe Nachhilfe in Musikgeschichte dankte man den Niederländern beim letzten Saisonkonzert der Zeughausreihe mit reichlich Applaus.
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