Neuss (NGZ). Seit einem Jahr lernen Sechs- bis Siebenjährige in NRW ihre erste Fremdsprache. Lehrer an Neusser Gymnasien meinen, dass die Kinder davon kaum profitieren. In Klasse 5 beginnen fast alle Schüler wieder bei Null.
Potential ist da
Organisation Der Englisch-Unterricht für Erstklässler beginnt jeweils im zweiten Halbjahr des ersten Schuljahres – mit zwei Schulstunden pro Woche.
Hintergrund Einig sind sich die Experten darüber, dass kleine Kinder Fremdsprachen grundsätzlich besonders gut aufnehmen können.
Rund 1440 Neusser Zweitklässler dürfen sich seit dem vergangenen Jahr als Pioniere fühlen. Sie gehören nämlich zur ersten Generation in NRW, bei der Englisch von der ersten Klasse an auf dem Stundenplan steht. Nach einem Jahr Britisch-Unterricht für Sechs- bis Siebenjährige wollte die NGZ wissen, welche Erfahrungen Lehrer bislang gemacht haben. Bringt der frühe Einstieg in die Fremdsprache überhaupt etwas? Die Reaktionen der Pädagogen sind verhalten. Von Enthusiasmus ist keine Spur. Mit der Realität des Gymnasiums, heißt es, habe der Englisch-Unterricht in der Grundschule tatsächlich wenig zu tun.
Englisch für Grundschüler gilt als pädagogische Antwort auf die Globalisierung. In der dritten Klasse wird das Fach schon seit dem Schuljahr 2003/04 unterrichtet. 2005 hat die schwarz-gelbe Landesregierung die Aufnahme der Fremdsprache in den Pflichtkanon der Klasse eins in ihr Regierungsprogramm geschrieben. Zunächst sollen die Sechs- bis Siebenjährigen ein Gefühl für die englische Sprache entwickeln. An allen Schulen funktioniert das ähnlich – über Lieder, Reime und szenisches Spiel, unterstützt von ausdrucksstarker Mimik und Gestik.
"Das Interesse der Kinder an der neuen Sprache ist groß", sagt Josefine Mertens, Klassenlehrerin einer zweiten Klasse an der Reuschenberger Albert-Schweitzer-Grundschule. "Allerdings fällt es ihnen noch schwer, selber Sätze zu bilden. Das merken wir in der dritten Klasse, in der es schon mehr um eigenständiges Sprechen geht." Ein Problem sieht Mertens darin nicht, Lehrer weiterführender Schulen zuweilen schon. Hartmut Schüttler, stellvertretender Leiter des Marie-Curie-Gymnasiums sagt, die Wissensunterschiede der Grundschüler seien, je nach dem, von welcher Schule sie kämen, enorm. "Das Sprach-Niveau der Kinder ist am Ende der fünften Klasse praktisch gleich, unabhängig davon, ob sie in der Grundschule Englisch gelernt haben oder nicht. Dass durch den frühen Start Zeit beim Lernen der Sprache eingespart wird, glaube ich nicht."
Eine plausible Erklärung für die ausbleibenden Erfolge sieht Schüttler unter anderem in der Ausbildung der Grundschullehrer. Die wenigsten der derzeit circa 3600 Pädagogen, die in NRW Englisch unterrichten, haben die Sprache studiert. Die meisten wurden in Fortbildungen auf das Fach vorbereitet. Gisela Fust, Fachleiterin am Gymnasium Norf, sagt: "In der Fünf müssen wir manche sprachlichen Fehler ausbügeln, die die Kinder mitgebracht haben." Fusts Chef, Schulleiter Klaus Killich, hat am Gymnasium Norf sogar eine zusätzliche Englisch-Stunde für Fünftklässler eingeführt, um alle Schüler auf einen einheitlichen Wissensstand zu bringen. Er wie auch Schüttler meinen: Spätestens ab der dritten Klasse sollten Kinder anfangen, die englische Sprache inklusive Grammatik zu lernen – anstatt nur Phrasen nachzuäffen.
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