Neuss (NGZO). Neuss steckt tief in der Finanzkrise und will massiv im Sozialbereich sparen. Rund 1,4 Millionen Euro sollen wegfallen. Honorarkräfte müssen entlassen werden. Viele Freizeit-Angebote sind nicht mehr zu stemmen.
Hip Hop-Tanzstunden – gibt es nicht mehr. Konzerte und Partys – gestrichen. Selbstbehaupttungskurse für Mädchen und Jungen – nicht bezahlbar. Das Horrorszenario, das Holger Lehnhoff vom katholischen "Verein Offene Tür Neuss" für das Haus der Jugend am Hamtorwall zeichnet, ist keineswegs unrealistisch. Die Stadt Neuss steckt tief in der Finanzkrise und will massiv im Jugend- und Sozialbereich sparen. Rund 1,4 Millionen Euro sollen wegfallen, betroffen sind nahezu alle Bereiche.
Für die Arbeit der Streetworker zum Beispiel werden in diesem Jahr nur noch knapp 142 000 Euro zur Verfügung stehen. 2009 waren es noch über 185 000 Euro. Die Zuschüsse für die gemeinwesenorientierten Jugendarbeit sollen um zwei Drittel gekürzt werden, von 339 674 auf 111 286 Euro. Die Förderung des vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) betriebenen Drei-Generationen-Hauses in Weckhoven fällt komplett weg. 2009 gab es dafür noch 30 000 Euro. Das Kinderbüro und das Seniorenforum schließen.
Haushaltskrise
Die finanzielle Situation der Stadt Neuss ist prekär: In diesem Jahr droht ein Defizit von 37 Millionen Euro und ein Schmelzen der Ausgleichsrücklage auf null Euro im Jahr 2011. Über die Sparvorschläge beraten die Fraktion in diesem Monat, der Haushalt 2010 soll in der Sitzung des Rates am 13. März verabschiedet werden.
Die Zuschüsse zum Ausgleich steigender Betriebskosten der Jugendhilfe- und Sozialeinrichtungen wurden bislang jährlich um 1,5 Prozent erhöht – jetzt werden auch sie gestrichen. Der so genannte Globalzuschuss sinkt um zehn Prozent. Insgesamt machen die Streichungen – zusätzlich zu den 1,4 Millionen Euro – noch einmal rund 500 000 Euro auf der Negativ-Liste der Jugend- und Sozialeinrichtungen aus.
Für das Haus der Jugend, um nur ein Beispiel zu nennen, würde das konkret ein Minus von rund 10 000 Euro in der Kasse bedeuten. "Dieses Geld", sagt Holger Lehnhoff, "kann ich nur im Personalbereich einsparen. Wir müssten alle Honorarkräfte, die sich bei uns um die Organisation von Kursen, Konzerten und Veranstaltungen kümmern, entlassen. In letzter Konsequenz könnten wir diese Angebote nicht mehr stemmen."
Aus der Sicht von Vincent Schülke wäre das eine Katastrophe. Der 16-Jährige kommt drei bis vier Mal pro Woche ins Haus der Jugend, um unter Anleitung Skateboard zu fahren oder Billard zu spielen. "Wenn es diese Möglichkeit nicht mehr gibt", sagt er, "müssten wir uns irgendein Parkhaus zum Skaten suchen." Auch Christa Ripkens, Sozialarbeiterin im Bürgerhaus Erfttal, rechnet damit, vieles bald nicht mehr organisieren zu können: das monatliche Tanzcafé für Senioren etwa, oder – in den Sommerferien – Tagesausflüge für Familien mit Kindern. Über das Bürgerhaus sind alle Vereine und Einrichtungen im Stadtteil vernetzt. Franz Eßer, Geschäftsführer des Sozialdienstes katholischer Männer, meint: "Die Lage in Neuss ist dramatisch."
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