Neuss (NGZ). Neuss/Düsseldorf Mit insgesamt 100 000 Euro ist der Wettbewerb „Archiv und Jugend“ ausgestattet, den das Land NRW erstmals ausgeschrieben hat - 10 000 Euro davon gehen nach Neuss ans Stadtarchiv. Gleich mit zwei Projekten hatte sich das Team um Archivleiter Dr. Jens Metzdorf beworben, und beide wurden für preiswürdig erachtet.
Von den insgesamt 19 ausgezeichneten Stadtarchiven (zehn aus Westfalen und neun aus dem Rheinland) ist das Neusser Haus das einzige, das gleich doppelt prämiert wurde - für die beiden Projekte „Stadtteilführer - Schüler-Geschichtswerkstatt erforscht Geschichte vor Ort“ und „Schülerexperten - Schüler der Oberstufe erarbeiten Quellensammlungen zur Stadtgeschichte“. NGZ-Kulturredakteurin Helga Bittner sprach mit Metzdorf über den Erfolg.
Herr Metzdorf, wie sind die Projekte entstanden?
Jens Metzdorf Das Ziel ist, Kinder und Jugendliche mit der Kulturinstitution „Archiv“, seinen Aufgaben und Möglichkeiten vertraut zu machen. Und am besten funktioniert das, wenn sie sehen, dass hier Geschichte lebendig wird, sobald sie sich nämlich mit einem Ort beschäftigen, den sie gut kennen - ihrer Stadt oder sogar dem eigenen Stadtteil.
Das Projekt „Stadtteilführer - Schüler-Geschichtswerkstatt erforscht Geschichte vor Ort“ sieht vor, dass Schüler der Jahrgangsstufen acht bis zehn zu ganz konkreten Themen aus dem eigenen Stadtteil Material bei uns recherchieren und das gewonnene historische Wissen in Führungen für Mitschüler und später auch für andere ganz direkt vor Ort weitergeben. Wir glauben, dass Geschichte vor allem dann interessant für Jugendliche ist, wenn sie einen Bezug zu ihrem unmittelbaren Lebensumfeld hat.
Mit diesem Projekt können sie sich die Geschichte ihres Stadtteils geradezu erlaufen; das unterstützt auch die Identifikation mit dem Ort. Wir haben das Konzept allerdings so ausgearbeitet, dass es Modellcharakter hat: Es ist in Kooperation mit anderen Neusser Schulen anwendbar, aber auch in anderen Städten umzusetzen. Und das war dem Land dann auch die Auszeichnung wert.
Mit welcher Schule startet das Projekt in Neuss?
Metzdorf Mit der gerade gegründeten Geschichtswerkstatt am Marie-Curie-Gymnasium. Wir sind dort beim Geschichtslehrer Herrn Kahlki und der Schulleitung auf offene Ohren gestoßen, als wir einen Partner für den Piloten suchten. Das erste Treffen hat bereits stattgefunden; wahrscheinlich werden wir auch einen Projekttag organisieren und einen Flyer für die erarbeiteten Stadtteilführungen erstellen. Das Preisgeld vom Land ist dabei eine wichtige finanzielle Unterstützung, denn mit unseren Bordmitteln könnten wir das gar nicht leisten.
Gibt es dafür eine Extra-Kraft in Ihrem Haus?
Metzdorf Unser Wunsch ist es schon, eine vom Stadtarchiv angeleitete Honorarkraft einzusetzen, die bestens mit der Archivarbeit vertraut ist. Wir werden mal schauen, wie und wann das möglich ist. Zurzeit betreut Dr. Annekatrin Schaller noch alle archivpädagogischen Projekte alleine.
Wie sieht das zweite Projekt aus?
Metzdorf Das richtet sich eher an Schüler der Oberstufe, also der Jahrgangsstufen zehn bis zwölf. Bei dem Projekt „Schülerexperten - Schüler der Oberstufe erarbeiten Quellensammlungen zur Stadtgeschichte“ geht es darum, dass im Archiv zu bestimmten Themen Quellen erforscht und in Materialsammlungen zusammengefügt werden. Und zwar so, dass diese dann an der eigenen oder von anderen Schulen im Geschichtsunterricht genutzt werden können.
Wie sind Sie auf Idee gekommen?
Metzdorf Wir haben in unserer Arbeit mit Schülern immer wieder festgestellt, dass sie sehr fasziniert sind, wenn sie mit echten historischen Quellen arbeiten können. Das ist immer spannender als mit Quellen aus Lehrbüchern, und das wollen wir uns mit diesem Projekt zunutze machen.
Das heißt?
Metzdorf Nehmen wir als Beispiele die Themen Industrialisierung oder Mittelalter. In den Schulbüchern werden meistens abstrakte und weit entfernt spielende Beispiele wie Berlin oder Nürnberg behandelt. Dabei lassen sich beide Themen sehr gut an der Stadt Neuss erarbeiten. Dafür finden die Schüler bei uns reichlich Material, das sie so für den eigenen Unterricht auswerten und aufbereiten können, dass es auch in folgenden Jahrgangsstufen wieder zum Einsatz kommen kann.
Also Schüler arbeiten für Schüler ...
Metzdorf Wenn Geschichte auf diese Art näher an die Interessen der Schüler gebracht wird, macht sie schlicht mehr Spaß. Die Aufarbeitung der Geschichte geschieht außerdem auch aus ihrer eigenen Perspektive - das erhöht die Motivation und dürfte wohl auch die Ergebnisse verbessern.
Dafür gibt es auch schon einen Partner?
Metzdorf Ja, auch die Geschichtswerkstatt des Marie-Curie-Gymnasium. Das Projekt läuft zunächst bis zum Sommer 2008. Im Idealfall geht es dann mit anderen Schülern oder Schulen weiter.
An Themen dürfte es ja keinen Mangel geben.
Metzdorf Nein, die Stadtgeschichte ist unerschöpflich ...
Was bedeutet die Auszeichnung vom Land für Sie ganz persönlich?
Metzdorf Sie ist eine sehr schöne Ermutigung. Ich habe vor fünf Jahren mein Amt als Archivleiter mit dem Anspruch angetreten, dass die historische Bildungsarbeit ganz wesentlich gestärkt wird. Archivpädagogik gehört für mich - neben der Sicherung und Erschließung von Archivgut - zu den Kernaufgaben unserer Arbeit.
Dass wir seit drei Jahren mit Dr. Schaller eine kompetente Kraft dafür einsetzen können; dass wir unser Haus umbauen konnten, um mehr Platz für Arbeitsgruppen und Ausstellungen zu schaffen, sind schon zwei sehr große Schritte in diese Richtung. Die Anerkennung des Landes ist eine Bestätigung für den Weg, auch mit unseren Möglichkeiten einer relativ kleinen Besetzung Projekte zu entwickeln, die Jugendliche interessieren und die von Archiv und Schule langfristig weiter verwendet werden können.
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