Ähnliche Fälle in Deutschland: Paris: Antisemitischer Überfall möglicherweise nur erfunden
Paris (rpo). Der angeblich antisemitisch motivierte Überfall auf eine junge Mutter in einer Pariser S-Bahn könnte sich nach Einschätzung der Ermittler als pure Erfindung des vermeintlichen Opfers entpuppen. Die Darstellung der 23-Jährigen konnte weder durch Zeugenaussagen noch durch die Auswertung von Überwachungskameras gestützt werden.
Dies teilte Patrick Mauduit von der Polizeigewerkschaft Synergie-Officiers am Dienstag mit. Die Ermittler interessierten sich für die Persönlichkeit der jungen Mutter, die bereits ein halbes Dutzend Mal Anzeige erstattete und nach Aussage einer Bekannten einen Hang zum Fabulieren hat.
In Deutschland gab es in den vergangenen Jahren mehrere Fälle, in denen rassistische Übergriffe vorgetäuscht wurden. So erklärte 1994 eine 17 Jahre alte Rollstuhlfahrerin in Halle, Skinheads hätten ihr ein Hakenkreuz in die Wange geritzt. 10.000 Menschen demonstrierten gegen Fremdenfeindlichkeit, bevor das Mädchen die Lüge gestand.
Der französische Justizminister Dominique Perben erklärte, es sei für eine abschließende Einschätzung des Vorfalls zu früh. Es müssten noch mehrere Punkte geklärt werden.
Polizeigewerkschafter Mauduit berichtete, noch immer hätten sich keinerlei Zeugen des angeblichen Überfalls in der S-Bahn (RER) am Freitag nördlich von Paris gemeldet. Dabei sollen rund 20 Passagiere den Vorfall gesehen haben. Die 23 Jahre alte Marie habe zudem angegeben, sich nach dem Aussteigen an Mitarbeiter der Bahn gewandt zu haben, doch niemand erinnere sich an die Frau. Die Auswertung der Überwachungskameras aller Stationen der RER-Linie D habe keinerlei Hinweise auf den Vorfall ergeben. "Es gibt so viele Unstimmigkeiten und Widersprüche zwischen dem, was Marie erzählt, und den Ermittlungen, dass die Polizisten zweifeln", sagte der Polizist.
Eine ihrer Freundinnen habe ausgesagt, dass Marie einen Hang zum Fabulieren und Erfinden von Geschichten habe. "Le Figaro" zitierte eine Bekannte, derzufolge die junge Frau bisweilen von einem Ereignis der Tagesaktualität oder einer Erzählung im Freundeskreis derart gefesselt sei, dass sie sich schließlich selber darin verwickelt glaube. Ihre Freunde und Bekannten machten sich darüber lustig, sagte die Frau, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen will. "Ich glaube, dass die Geschichte zu 99,9 Prozent komplett erfunden ist."
Die 23-Jährige gab an, von sechs Jugendlichen aus dem Maghreb und Afrika überfallen worden zu sein. Die Täter hätten sie als "dreckige Jüdin" beschimpft, weil in ihren Papieren eine frühere Adresse im gehobenen 16. Pariser Arrondissement vermerkt war, eine Haarlocke abgeschnitten, ihr Hakenkreuze auf den Bauch geschmiert und beim Aussteigen den Kinderwagen mit ihrer 13 Monate alten Tochter umgestoßen.
Seit dem Wochenende hatte die gesamte politische Klasse Frankreichs mit Staatspräsident Jacques Chirac an der Spitze den angeblich antisemitisch motivierten Überfall verurteilt und die Franzosen zu Zivilcourage aufgerufen. Noch am Montagabend beteiligten sich hunderte Demonstranten an zwei Kundgebungen gegen Antisemitismus und Rassismus.
Ähnliche Fälle auch in Guben und Potsdam
Im brandenburgischen Guben gab Ende 2002 eine 14-Jährige vor, Unbekannte hätten ihr ein Hakenkreuz ins Gesicht geritzt. Schließlich gab sie zu, sich die Verletzungen selbst zugefügt zu haben. Im Oktober 1994 erregte der Fall einer damals 34 Jahren alten Frau für Aufsehen, die fälschlicherweise angab, in Potsdam von drei Skinheads aus einer vollbesetzten Straßenbahn gestoßen worden zu sein.





























