Interview mit OB Joachim Erwin: "Wir Düsseldorfer sind selbstbewusst"
VON DENISA RICHTERS - zuletzt aktualisiert: 23.08.2006 - 13:44Düsseldorf (RP). Düsseldorfs Oberbürgermeister Joachim Erwin über 60 Jahre Landeshauptstadt Düsseldorf.
Herr Erwin, wie ist es, Gastgeber für die Landesregierung zu sein?
Erwin Gut. Denn man hat als Stadtoberhaupt eine sehr viel größere Nähe zum ganzen Landeskabinett. Was dazu führt, dass man sich über bestimmte Dinge auch auf dem kurzen Dienstweg verständigen kann. Und wir tun alles, damit sich die Landesregierung in Düsseldorf wohl fühlt.
Welche Vorteile bringt der Status Landeshauptstadt mit sich?
Erwin Man wird von außen viel stärker wahrgenommen. Eine Landeshauptstadt zieht natürlich konsularische Vertretungen, Verbände und Vereine an. Auch Unternehmen lassen sich mit ihren Zentralen eher in einer Landeshauptstadt nieder. Es gibt also unbestritten Vorteile, die wir auch zu nutzen versuchen. Allerdings gibt es keinen Landeshauptstadt-Bonus, also kein zusätzliches Steuergeld vom Land.
Fallen Ihnen auch Nachteile ein?
Erwin Man ist bei der Stadtentwicklung auf Zusammenarbeit mit dem Land angewiesen, Beispiel Regierungsviertel. Der größte Nachteil aber ist, dass man zur Hauptstadt der Demonstrationen wird. Das bringt für die Bürger und das Leben im öffentlichen Raum viele Einschränkungen mit sich.
1946 waren auch Köln und Münster als Landeshauptstadt im Gespräch. Adenauer hatte sich stark gemacht für Köln. Warum war es richtig, dass sich die britische Militärregierung für Düsseldorf entschieden hat?
Erwin Weil die Briten kluge Menschen sind. Geografisch wäre Köln wie Münster am Rande des Landes gelegen. Man ist auch klug beraten, nicht die größte Stadt zur Landeshauptstadt zu machen. Zudem hatte Düsseldorf auch die Tradition, Schreibtisch des Ruhrgebiets zu sein. Somit war auch dieser Teil des Landes eingebunden.
Die Wahl fiel eher zufällig auf Düsseldorf. Zufällig erfuhren es auch Stadtverwaltung und Bevölkerung - nämlich aus dem Radio. Wäre so ein Vorgehen heute noch vorstellbar?
Erwin Manchmal werden wir tatsächlich auch heute noch von Dingen überrascht. Aber man muss ja auch die Umstände damals bedenken. Die Menschen hatten doch ganz andere Probleme. Ich glaube auch nicht, dass die Bürger damals so sehr interessiert daran waren, wie Verwaltung strukturiert ist. Das ist heute anders.
Der damalige Oberbürgermeister, Karl Arnold, war nicht begeistert von der Entscheidung der Briten. Er ahnte, dass mit der Landeshauptstadt zusätzliche Entbehrungen auf die Düsseldorfer zukommen, sah aber auch die Chancen der „Beförderung“ ...
Erwin Rückblickend überwogen die Chancen eindeutig. Düsseldorf wäre nicht so, wie es heute ist, wären wir nicht Landeshauptstadt. Wir wären niemals das Zentrum der japanischen Wirtschaft in Europa geworden, hätten nie diese Fülle von Generalkonsulaten bekommen.
Karl Arnold war damals nicht nur OB, sondern wurde auch noch zum Vize-Präsidenten des Landes gewählt. Können Sie sich so eine Doppel-Funktion heute noch vorstellen?
Erwin Nein, es ergab sich damals aus der Situation. Als hauptamtlicher Oberbürgermeister wäre das gar nicht mehr möglich. Für Düsseldorf war aber wichtig, dass die Stadt überArnold Einfluss im Land hatte.
Dennoch war und ist im Land über Düsseldorf nicht nur Gutes zu hören. Spricht daraus Neid?
Erwin Es ist immer menschlich, das man ein bisschen neidisch auf andere guckt. Nun sind wir Düsseldorfer auch selbstbewusst, so dass wir es dem Land auch nicht einfach machen.
Sie kennen beide Seiten, waren Ratsherr, Landtagsabgeordneter, sind jetzt OB. Welche ist Ihnen lieber: die des Gastes oder die des Gastgebers?
Erwin Die des Gastgebers, denn der kann die Form bestimmen und versuchen, es dem Gast möglichst angenehm zu machen. Der Gast muss nehmen, was ihm geboten wird. Das Gestalten macht mehr Spaß.
Die räumliche Situation war für den Landtag in den Anfangsjahren alles andere als komfortabel: Den Gesoleisaal mussten sich die Abgeordneten sogar mit Filmvorführern teilen. Heute tagt der Landtag modern am Rhein. Zu bequem, zu schön?
Erwin Nein. Ich war ja der letzte Abgeordnete, der 1988 im Ständehaus vereidigt wurde, bevor der Landtag ans Rheinufer zog. Ein Parlament braucht angemessene Arbeitsräume. Deshalb habe ich damals auch gegen meine Fraktion gestimmt, die dem Ständehaus Flügel wachsen lassen wollte. Über den Standort im Hafen gab es anschließend eine gute und fruchtbare Diskussion. Und der Landtag hat ein wunderschönesStück Architektur bekommen.
Der Wiederaufbau des Ständehauses war das erste architektonische Merkmal der Landeshauptstadt. Danach geschah lange nichts. Warum?
Erwin Ich glaube, dass auch das an den damaligen Umständen lag. Man musste sparen, es herrschte Wohnungsnot. Sicherlich wäre es schön gewesen, wenn es damals schon so eine Art Masterplan Regierungsviertel gegeben hätte.
Das ist ja nicht viel besser geworden. Mit der Modernisierung des Regierungsviertels geht’s nicht so recht voran, oder?
Erwin Ich bedauere, dass wir seit 2002 darüber diskutieren und es nur eine Entscheidung gibt: den Umzug des Bauministeriums in die Oberfinanzdirektion. Polizeipräsidium, Innenministerium, Vermarktung des Höhn-Towers - alles noch ungeklärt. Man lernt dabei eins, dass nämlich die Entscheidungswege in Kommunen kürzer sind als im Land.
Im Land regiert nun die CDU. Erleichtert das die Situation für einen CDU-Oberbürgermeister?
Erwin In vielen Dingen schon, weil man sich kennt. Bei manchen Sachenist es allerdings schwerer, weil natürlich vor der Parteiräson die Vertretung der Bürgerinteressen liegt.
Die Landeshauptstadt feiert runden Geburtstag - was wünschen Sie der Dame zum 60sten?
Erwin Dass sie sich weiterhin so schön rausputzt und eine gute Gastgeberin ist. Außerdem: 60 ist heute einfach kein Alter.
Das Gespräch führte Denisa Richters.















