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Serie - Geschichte im Rheinland (7): Als die Klöster ihren Besitz verloren

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 08.07.2008 - 11:02

Es war die größte Enteignung, die das Rheinland erlebte: Ende des 18. Jahrhunderts lösten die Franzosen die Klöster im linksrheinischen Reichsgebiet auf, wenige Jahre später wiederholten dies die deutschen Fürsten auf der rechten Rheinseite. Unter dieser Säkularisierung litt in hohem Maße die Landbevölkerung.

Kloster Kamp ist bis heute erhalten.  Foto: NGZ
Kloster Kamp ist bis heute erhalten. Foto: NGZ

Gleich am Kircheneingang wird „Der Schatz unterm Kloster“ verkauft. Einer dieser lokal eingefärbten Krimis, deren Autoren offenbar nicht glauben wollen, wie spannend und kriminell echte Geschichte sein kann. Um das zu erfahren, muss man nur ein paar Schritte in die alte Klosterkirche Liebfrauen gehen, bis man vor der imposanten Wandtafel mit all den Äbten steht. 50 sind es, beginnend mit Heinrich I. (1123–1137) und plötzlich endend mit Bernardus Wiegels (1785–1802). Mit ihm reißt die große Geschichte von Kloster Kamp einfach ab. Ein Schlussstrich wird 1802 unter die erste Zisterzienserabtei auf deutschem Boden gezogen.

Ursache dafür ist – unpolitisch gesehen – der vielleicht größte Strukturwandel, den das Rheinland erlebt hat. Er heißt Säkularisation, also die weitgehende Enteignung der geistlichen Besitztümer und die Aufhebung der Glaubensorden.

Das geschah zunächst durch die Franzosen, die ab 1794 linksrheinische Gebiete des deutschen Reiches besetzt hielten. Die Aktion machte aber auch auf der Gegenseite Schule und fand wenige Jahre später auf rechtsrheinischem Territorium ihre Fortsetzung.

Die forschen Enteigner waren diesmal die deutschen Fürsten, also Oberhäupter eines Reiches, das sich seinem Namen nach immerhin als heilig verstand. Mit dem Beschluss der Reichsdeputation vom 25. Februar 1803 entmachten die Fürsten die Kirche und nehmen deren Besitz als Entschädigung für den Verlust ihrer linksrheinischen Gebiete: „Alle Güter der fundierten Stifte, Abteyen und Klöster . . . werden der freyen und vollen Disposition der respectiven Landesherrn . . . zur Erleichterung ihrer Finanzen überlassen“, lautet Paragraph 35, hinter dem eine ungeheure Kapitalverschiebung steht: Allein im Kölner Diözesanbereich sind davon 237 Klöster, Abteien und Stifte betroffen.

Allerdings verpflichten sich die Fürsten zum Unterhalt der Kirchen und Pastoren, ein Zugeständnis mit weitreichenden Folgen: Denn als der kirchliche Finanzbedarf in den Folgejahren deutlich steigt, gewähren die Landsherren höchst eigennützig den Kirchen die Möglichkeit einer eigenen Finanzierungsquelle – mit der Besteuerung ihrer Mitglieder. So geht selbst die Kirchensteuer auf die Säkularisierung zurück.

Das Erstaunliche bleibt, dass dem Sturm der Enteignung kein Sturm der Entrüstung folgt; es gibt weder ein Aufbegehren der Äbte und Bischöfe noch der Gläubigen.

Dabei sind die Folgen der Säkularisierung mehr als spürbar – gerade auf dem Land. Viele Menschen, die bisher in den Klosterbetrieben eine Anstellung hatten, werden jetzt arbeitslos.

Und vielerorts wächst die Not auch dadurch, dass die „geistlichen Almosenspenden“ wegfallen. Doch es scheint, als seien die neuen Besitzverhältnisse nur das weitere Zeichen einer neuen Zeitrechnung; als werde jetzt etwas nachgeholt, was sich seit langem anbahnte.

Und auch das steckt im leicht zungenbrecherischen Begriff der „Säkularisation“. Ihm ist das lateinische Wort „saeculum“ eingeschrieben, das Zeitalter und Jahrhundert meint, aber auch Menschenalter. Im christlichen Kontext ist saeculum vor allem die zeitliche Welt, das Irdische und daher Vergängliche – im Gegensatz zum Ewiglichen.

Vornehm gesprochen, könnte man die rücksichtslose Enteignung auch als eine Verweltlichung klösterlichen Besitzes begreifen – im Sinne des Zeitgeistes. Der hatte sich bereits mit der Französischen Revolution 1789 politisches Gehör verschafft.

Der Aufklärung ist der Wille eingebrannt, die Welt und das Leben auch wissenschaftlich zu begreifen und vor allem selbstbestimmt zu gestalten. Das Denken und die Vernunft laufen dem Glauben den Rang ab. Nichts Altes darf noch darauf hoffen, als Selbstverständlichkeit angenommen und in den Lebensvollzug übernommen zu werden. Religion und Kirche gelten keineswegs als verbindlich. Ohnehin sind die neuen Reichtümer nicht mehr himmelwärts zu finden – und bald schon wird es heißen, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt.

Das ist die Geschichte des Geistes, die sich in der kleinen und alltäglichen Geschichte der Menschen wiederfindet und spiegelt. Auch in Kloster Kamp, in dem schon lange vor 1800 nicht alles Gold ist, was glänzt. Von innerer Säkularisation ist heute die Rede, wenn es um den frühen Verlust der Ordenszucht geht. Schon Mitte des 18. Jahrhunderts löst eine „gewisse Lebensüppigkeit“ die alte Einfachheit ab. Zum Terrassengarten des Klosters kommt jetzt ein glanzvoller Barockgarten hinzu, und dem Wagen des Prälaten sind vier schwarze Hengste vorgespannt.

Weil nach Ansicht von Abt Bernardus Wiegels der Geistliche nicht hinter dem fortschreitenden Wissen der Gegenwart zurückbleiben dürfe, gibt es im Kloster bald auch Lehrstunden in Experimentalphysik. Einige seiner Ordensbrüder schickt er sogar zum Studium nach Bonn, bis er feststellen muss, dass die Entsandten mit freisinnigem Gedankengut in Berührung kommen.

So werden die Mönche alsbald zurückbeordert. Dennoch wird im Kloster nach Herzenslust weiterstudiert, und Abt Wiegels opfert dafür sogar den Chorgesang an Wochentagen. Als die Abtei schließlich 1802 offiziell aufgelöst wird, hat Wiegels das Kloster längst verlassen.

Manchmal wohnt dem Ende auch ein Anfang inne. So auch bei diesem Ereignis: Der Abschied von klösterlicher Pracht und Machtentfaltung wird – mit einigem zeitlichen Abstand – schließlich zum Beginn einer neuen Form kirchlichen Lebens.

Keine Frage, die Säkularisierung ist wesentlich für den Aufbruch eines politischen Katholizismus. Die Laien erheben jetzt ihre Stimme und wollen innerhalb der Kirche auch Verantwortung. Erkennbar wird das an der Gründung vieler katholischer Vereine in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Als sich die Generalversammlung des katholischen Vereins Deutschlands am 18. Mai 1848 in Mainz einfindet, wird gewissermaßen der erste Katholikentag gefeiert. Und erst danach finden auch die deutschen Bischöfe erstmals zueinander – mit ihrer synodalen Zusammenkunft in Würzburg am 1. Oktober 1848.

Weil auch dies gewichtig ist, wird die Enteignung heute nicht immer nur und pauschal verurteilt. Hans Maier (70), der viele Jahre dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken vorstand, sieht ein positives Zeichen der Säkularisierung darin, dass sie die Christen seinerzeit „aus dem Schlaf der Sicherheit geweckt“ hatte.

Und der Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Höffner (1906–1987) bemerkte einst: „Aus der heutigen Sicht war es kein Unglück, dass dem Kölner Erzbischof das Schwert aus der Hand genommen wurde und dieser sich mit dem Krummstab begnügen musste.“

Das Ende von Kloster Kamp ist schnell erzählt: Am 10. August 1802 verließen die letzten Mönche die Abtei. Alle Gebäude – bis auf die Kirche samt Sakristei und der Krankenabteilung – gingen in Staatsbesitz über. Der Rest ist das übliche Geschacher: 1806 ersteigerte ein gewisser Jakob Tops das Kloster für 15 200 Francs; nur ein Jahr später übernahm ein Konsortium jenen Besitz, der schon nicht mehr in gutem baulichen Zustand gewesen sein soll.

Ein Ende von Geschichte gibt es nicht. 1954 wurde die Pfarrkirche auch wieder Klosterkirche, diesmal für den Karmeliter-Orden, der sich in Absprache mit dem Bischof von Münster am Niederrhein ansiedelte und bis 2002 blieb. Und 1990 konnten die restaurierten Terrassengärten wieder feierlich eröffnet werden. Geblieben ist zudem ein Sprichwort, das der halbe Niederrhein kennt als Ausdruck einer handfesten Strafandrohung. Denn wem Ungemach blüht, der bekommt heute noch „den Segen von Kloster Kamp“.


 
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