Die rheinische Braunkohlenindustrie sichert langfristig bundesweit mehr als 35.500 Arbeitsplätze, davon allein 28.000 in Nordrhein-Westfalen und 17.600 im Revier. Zu diesem Ergebnis kommt eine von Rheinbraun in Auftrag gegebene Studie der Fachhochschule Niederrhein (FHN) Mönchengladbach und des Rheinisch-Westfälischen Institutes für Wirtschaftsförderung (RWI) Essen.
Das Gutachten wurde gestern in Schloss Paffendorf vorgestellt. Die Liberalisierung des Strommarktes ließ die Frage nach den Auswirkungen des Strukturwandels im rheinischen Braunkohlenrevier an Stellenwert gewinnen. Sachgerechte Antworten verspricht sich Rheinbraun von einer Studie, die unter Projektleitung von Professor Rüdiger Hamm (FHN) und Bernhard Hillebrand (RWI) erstellt wurde.
Wichtigstes Fazit für das Unternehmen: "Die Braunkohle bleibt entscheidender Faktor für den Arbeitsmarkt und die Wirtschaftskraft über das eigentliche Revier hinaus. Durch die Anpassung an die liberalisierten Marktbedingungen werden rund 35.600 konkurrenzfähige Arbeitsplätze erhalten, die anderenfalls im Wettbewerb keine Chance hätten", erklärte Rheinbraun-Vorstand Berthold Bonekamp gestern in einem Pressegespräch.
Professor Rüdiger Hamm und Bernhard Hillebrand gehen in ihrer Studie von einem Personalstand von rund 11.000 Mitarbeitern bei der Rheinbraun AG aus - eine Zahl, die das Unternehmen erst Mitte 2004 nach einem Abbau von 30 Prozent der gegenwärtig 16.000 Stellen erreichen wird. Zu den später einmal 11.000 "Rheinbraunern" zählen die Gutachter weitere 4.000 Arbeitsplätze bei Unternehmen, die den mit Braunkohle erzeugten Strom außerhalb des Reviers weiterverteilen und an die Verbraucher verkaufen.
Hamm und Hillebrand kommen zu dem Schluss, dass die in der Rheinbraun AG vereinigten Tagebaue, Kraftwerke und Veredelungsbetriebe auch künftig Aufträge im Wert von über einer Milliarde Mark pro Jahr vergeben werden. Das sichert laut Gutachten weitere 4.765 Arbeitsplätze. Bei den Recherchen wurde festgestellt, dass diese Aufträge vor allem an regionale Firmen gehen - "sie sind auf das Braunkohlenrevier, die nähere Region und NRW konzentriert".
Diese Geschäfte füllen nicht nur die Auftragsbücher der unmittelbaren Lieferanten und Dienstleister. Weil jeder Auftrag seinerseits Nachfrage nach Vorprodukten und Vorleistungen auslöst, gehen die Gutachter zusätzlich von indirekten Beschäftigungswirkungen bei Subunternehmen aus: "Sie machen im Fall Rheinbraun weitere 9.185 Arbeitsplätze aus", so Hamm und Hillebrand.
Sie haben auch die Kaufkraft der Arbeitnehmer ermittelt: "Während ihre Ausgaben für Lebensmittel, Kleidung und Mieten auf das Revier und die nahe gelegenen Zentren begrenzt sind, geben sie Geld für langlebige Gebrauchsgüter und Urlaubsreisen überregional aus." Dieser Effekt macht nach Angaben der beiden Gutachter zusätzliche 6.625 Arbeitsplätze aus. "Aussagen von Rheinbraun-Lieferanten bestätigen diese Forschungsergebnisse", erklärte Professor Rüdiger Hamm.
Die stark in der Region verankerten, meist mittelständischen Betriebe gaben im Rahmen einer Befragung an, dass Rheinbraun als Großkunde eine gute Referenz für weitere Geschäfte sei: "Andere haben wegen der Nähe zu diesem Unternehmen im Revier Niederlassungen eröffnet und damit Arbeitsplätze geschaffen." Professor Martin Wenke von der Fachhochschule Niederrhein befragte in einer Zusatz-Untersuchung 340 Lieferanten der rheinischen Braunkohleindustrie.
Sie alle stufen den regionalwirtschaftlichen Einfluss von Rheinbraun als wichtig ein. Für Berthold Bonekamp steht fest: "Mit unserer Kostensenkung sichern wir nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit unserer eigenen Arbeitsplätze. Unsere Anstrengungen für die Zukunft kommen nachweislich auch den vielen Lieferanten, Konsumgüterproduzenten und Dienstleistern zugute."
Er wertete das Gutachten als eine "realistische Einschätzung der Zukunft - auch vor dem Hintergrund eines 30-prozentigen Personalabbaus". Ein Verzicht auf Garzweiler II würde die ermittelten Zahlen nicht ändern, erklärte Bernhard Hillebrand, da sie sich auf das Jahr 2003 beziehen, der Tagebau möglicherweise aber 2006 aufgeschlossen werden soll. Der Beschäftigungs-Effekt, der von Garzweiler ausgeht, sei nicht Gegenstand der Studie gewesen.
(14.04.2000)
Die neuesten Nachrichten und Berichte aus Politik, Wirtschaft, Panorama, Sport, Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft, Multimedia, Auto,
Reise und Beruf - im Archiv auch gratis recherchierbar. Dazu die besten Bilder, Live-Ticker, Kolumnen und Hintergrundberichte.