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Serie - Geschichte im Rheinland (Teil 11): Das Rheinland versank in Trümmern

VON DETLEV HÜWEL - zuletzt aktualisiert: 14.07.2008 - 12:39
Mit Verführung und Gewalt gelangten die Nazis an die Macht. Das Regime war menschenverachtend. 1939 entfesselte Hitler den Zweiten Weltkrieg. Wenige Jahre später wurden die Städte im Rheinland von den Alliierten massiv bombardiert. Die Schäden waren verheerend. Unzählige Menschen wurden getötet, verwundet oder verloren ihr Zuhause.
Hitler stürzte auch das Rheinland ins Chaos.  Foto: NGZ
Hitler stürzte auch das Rheinland ins Chaos. Foto: NGZ

Der Saal im Düsseldorfer Parkhotel ist überfüllt. Draußen drängeln sich Sympathisanten, aber auch wütende Demonstranten. Die Polizei geht mit dem Gummiknüppel vor. Als Steine fliegen, werden die Jalousien heruntergelassen. Es sollen auch Schüsse gefallen sein. Adolf Hitler betritt das Hotel durch einen Seiteneingang.

Fast zwei Stunden lang redet der NSDAP-Führer, gekleidet mit Gehrock und gestreifter Hose, an diesem 26. Januar 1932 vor über 600 Wirtschaftsvertretern im noblen Industrie-Club – und setzt auf deren Spendenbereitschaft. Auf viele macht seine Kampfansage an das „bolschewistische Chaos“ in Deutschland Eindruck. Immer wieder gibt es während seiner Rede Beifall. Der Industrielle Fritz Thyssen bringt am Ende einen Toast auf den kampfentschlossenen Gast aus: „Heil Hitler.“

Fast auf den Tag genau ein Jahr später war Hitler an der Macht. Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 wurde die NSDAP zwar auch im Rheinland erstmals stärkste Partei vor dem katholischen Zentrum, doch zum Teil lagen hier die Ergebnisse deutlich unter dem Reichsdurchschnitt von 43,5 Prozent. Im Wahlkreis Düsseldorf-West bekamen die Nazis nur 35,7 Prozent, im Wahlkreis Köln-Aachen sogar nur 30,1 Prozent.

Schlag auf Schlag machten die neuen Machthaber Schluss mit dem ihnen verhassten demokratischen „System“. Noch im März wurde der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der spätere Bundeskanzler, seines Amtes enthoben. Die Nazis warfen ihm Amtsmissbrauch vor. Denselben haltlosen Vorwurf erhoben sie auch gegen Düsseldorfs Stadtoberhaupt Robert Lehr. Auch der Duisburger Oberbürgermeister Karl Jarres wurde aus dem Amt vertrieben. Schon bald wurden überall Straßen nach Hitler umbenannt, so auch die Krefelder Straße in Neuss.

Am 23. März 1933 stimmten die SPD-Abgeordneten im Reichstag geschlossen gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz, unter ihnen auch die Parlamentarier Hubert Schlebusch aus Gladbach-Rheydt und der Kölner Sozialdemokrat Hans Böckler, der spätere DGB-Vorsitzende. Die Gewerkschaften wurden im Mai zerschlagen. Viele Regimegegner, vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten, die sich nicht rechtzeitig ins Ausland abgesetzt hatten, wurden in „Schutzhaft“ genommen oder ermordet.

In der Nordeifel bei Gemünd errichteten die Nazis ab 1934 ein gigantisches Bauwerk – die „Ordensburg“ Vogelsang, in der junge Männer gedrillt und auf den „Führer“ und dessen blutrünstige Ideologie eingeschworen wurden. Wegen des Kriegsausbruchs 1939 blieb Vogelsang zwar ein Torso, aber die Anlage ist heutzutage dennoch ein beklemmendes Zeugnis nationalsozialistischen Größenwahns.

Der Rassenwahn der Nazis richtete sich in erster Linie gegen die Juden. Ihre Geschäfte wurden boykottiert („Kauft nicht bei Juden“); außerdem wurden ihnen Berufsverbote auferlegt. Wie überall im Reich gingen in der (wegen der vielen Scherben so genannten) „Kristallnacht“ zum 10. November 1938 auch in Düsseldorf, Essen und Geldern die Synagogen in Flammen auf. Die Polizei sah dem furchtbaren Treiben tatenlos zu. Viele Juden wurden von den Nazis abtransportiert. Wohin – das wussten oder ahnten damals wohl nur wenige Menschen.

Mit „Verführung und Gewalt“ (so der Historiker Hans-Ulrich Thamer) festigten die Nazis ihre Macht. Aber es gab auch Widerstand. Der Düsseldorfer Karnevalist Leo Statz musste mit dem Leben dafür büßen, dass er sich kritisch gegenüber dem Regime der Braunhemden geäußert hatte. In Köln wurden jugendliche Mitglieder der „Edelweißpiraten“ hingerichtet, die gegen die Nazis agiert hatten. Auch aus den Kirchen kam Widerstand. In Münster wetterte Bischof Clemens August Graf von Galen von der Kanzel herab gegen die Vernichtung des nach Ansicht der Nazis „unwerten Lebens“ (Euthanasie).

Im Rheinland bildeten sich konspirative Gesprächkreise, in denen über den Aufbau eines neuen, demokratischen Staates nach dem Ende der Hitler-Diktatur diskutiert wurde. In Düsseldorf gehörten Robert Lehr und der christliche Gewerkschafter Karl Arnold mit dazu. 1936 ließ Hitler Soldaten ins entmilitarisierte Rheinland einmarschieren – eine ungeheure Provokation des Auslands. Hitler suchte den Kampf. 1939 entfesselte er den Zweiten Weltkrieg. Bereits wenige Jahre später zeichnete sich der Niedergang des „Dritten Reiches“ ab.

Ab 1942 wurden die Städte im Rheinland massiv bombardiert. Immer häufiger mussten die Menschen bei Tag und in der Nacht unter Sirenengeheul in die Bunker flüchten. In Düsseldorf-Heerdt war ein Luftschutz-Hochbunker zur Tarnung in Form einer Kirche gebaut worden (er wurde nach dem Krieg in eine richtige Kirche umgewandelt).

Zu Hunger und Entbehrung kamen in jenen schrecklichen Kriegsjahren die Trauer um getötete Angehörige und die Sorge um das Schicksal vermisster Menschen. In Düsseldorf mussten Häftlinge des KZ-Außenlagers Stoffeln Leichen bergen und Trümmer wegräumen. Ein Zeitzeuge erinnert sich: „Ich bin fest davon überzeugt, Schreie gehört zu haben, die aus dem Lager kamen. Das eigentliche Lager jedoch habe ich nicht gesehen, da wir viel zu viel Angst hatten, dort hinzugehen. Lediglich die helle Beleuchtung durch vier oder sechs Scheinwerfer konnten wir sehen.“

1938 hatte Hitler den Bau des „Westwalls“ zwischen Kleve und Basel vorangetrieben. Das war ein gewaltiges Bollwerk aus Bunkern und Betonhöckern als Panzersperren. Doch die Alliierten waren dadurch nicht aufzuhalten. Am 12. September 1944 überschritten USTruppen erstmals die deutsche Grenze und erreichten Roetgen. Am 3. Oktober rief Goebbels in Köln die Bevölkerung noch einmal großmäulig zum Widerstand auf: „Das wird der Feind in den nächsten Wochen und Monaten zu verspüren bekommen, dass es etwas anderes ist, Paris und Bukarest, und dass es etwas anderes ist, Köln und Königsberg zu besetzen.“

Köln wurde Anfang März 1945 von den Amerikanern eingenommen. Damals lebten dort nur noch 45 000 Menschen; vormals waren es 770 000 gewesen. Weite Teile der Stadt waren verwüstet. Überall am Niederrhein war die Bilanz verheerend. In Kleve hatten die Bomben enorme Schäden angerichtet. Wesel war zu 98 Prozent zerstört, Bocholt zu 85 Prozent.

In Düsseldorf ermordeten die Nazis kurz vor Kriegsende Polizeioberleutnant Franz Jürgens nach einem gescheiterten Putschversuch. Am 17. April rollten US-Panzer, von Neuss und den linksrheinischen Stadtteilen her kommend, ins Zentrum ein. Die Stadt war endlich frei, doch was würde die Zukunft bringen?


 
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