Was für ein Anfang! Eingestimmt von der morgentlichen Hommag à Georg Kröll und der Klangwanderung der vierfachen Raumklänge mit Markus Stockhausen am späten Nachmittag, erwartete die Scheunenbesucher am ersten Abend des Inselfestivals anschließend Musik der ganz besonderen Art.
In höchster Könnerschaft zelebriert vom Arditti Quartett hatten Thomas Bruttger, Christoph Staude und Helmut Lachenmann ihren Auftritt. Das hat ja was, wenn das Publikum die von diesen dreien repräsentierten Einblicke in neue Denkweisen und und deren Umsetzung, in unbekannte Gedankentiefen und starke Ausdrucksfülle, Wegweisendes und unterschiedliche Qualitäten mit kennerischem Zungenschnalzen quittiert.
Der Verlust der musikalischen Schönheit und des Wohlklangs - die Scheunengemeinde weiß es längst - ist unumkehrbar. ie Zuhörer in der Scheune sind längst weit darüber hinaus, die einst so ungewohnten Spielweisen zu bestaunen. Keiner erwartet mehr den fein geordneten Sonatensatz, die volltönende Melodik.
Die vorgetragenen Werke faszinierten nicht allein durch ihre Virtuosität, sondern sie kündeten überraschenderweise von einer neu gewonnenen Normalität. Thomas Bruttger etwa: Akzeptiert sind beispielsweise die sirrenden Klänge mit Hintergrund, die Pausen, sind die langanhaltenden Bögen.
Zarter, präziser Saitenstrich wird unterbrochen von plötzlichen Härten und wildem Chaos. Wie durch einen Nebel ertönt im dritten Satz von Streichern erzeugter gedämpfter Trompetenschall, dann tritt die Musik mutiger heraus und plaudert alle Geheimnisse aus.
Dann wieder das unbestimmte Tönen auf der Stelle mit erkennbarer Kreisführung.Solche assoziative Ausrufungszeichen setzte auch Christoph Staude mit seinem Streichquartett IV. Dabei wird auch wieder die Außenwelt ins musikalische Innere geholt.
Überall werden Anfänge gemacht, Vorhaben verkündet, Ausrufungszeichen gesetzt. Im zweiten Satz kommt es zu einem Stimmengewirr wie bei einer gesellschaftlichen Orientierungssuche, wobei sich einzelne "Wort-Meldungen" hervorwagen und sofort niedergemacht werden. Helmut Lachenmann lässt in seinem Streichquartett Nr. 8., "Grido" (Schrei) das Emotionale, die Intelligenz, das Wissen um die Zeit, in der er lebt, voll einfließen.
Er weiß von der Schönheit, er beklagt mit seinem tiefen Eindringen in andere Tonwelten deren Verlust. Er trägt die Vergangenheit in sich und spürt ihr Nachwirken. Zugleich hält er erstaunliche Botschaften bereit, will Tröstliches berichten. Lachenmann breitet seine Erkenntnisse wie in einem guten Bühnenstück aus und fordert zum Mitdenken auf.
In diese Richtung, darüber waren sich später viele Zuhörer einig, wird es mit der neuen Musik wohl weiter gehen. Einig war man sich auch darüber, dass das englische Arditti-Quartett absolute "Weltklasse" ist. Ein phantastischer Festival-Start. Klaus Niehörster
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