Von Helga Bittner Eine zweiteilige Ausstellung in der Sparkasse und im Kreishaus macht mit der Kunst des 1992 in Köln gestorbenen Österreichers Curt Stenvert vertraut. "Schnee in Venedig" von Curt Stenvert ist nach der Biennale 1966 entstanden. Foto: L. Berns
Seine Malerei ist der Bild gewordene Inhalt eines ganz persönlichen Glaubensbekenntnisses: "Ich glaube: an die positive Macht des Denkens/ Ich glaube: an die Wirkung der Schönheit/ Ich glaube: an die Strahlkraft der Farbe/.../ Ich bin: fasziniert vom geistigen Abenteuer im grenzenlosen Raum der Phantasie."
Curt Stenvert war ein Bewegter und ein Beweger, ein Grenzüberschreiter und ein Suchender, ein Phantast und Kämpfer - und bediente sich in all diesen Eigenschaften immer des selben Mittels: der Kunst. Denn Kunst um ihrer selbst willen war seine Sache nicht, er wollte sie einsetzen, um Wahrheiten zu offenbaren, Zusammenhänge aufzuzeigen und Denkprozesse anzuregen, sprach dabei vorausschauend von der "funktionellen Kunst des 21. Jahrhunderts".
Der 1992 in Köln gestorbene Österreicher war Maler, Bildhauer, Filmemacher und Dozent, hat mit Ernst Fuchs die "Wiener Schule" gegründet, wurde bei der Berlinale 1962 mit dem "Silbernen Bären" ausgezeichnet und für die Kunstbiennale in Venedig 1966 nominiert, unterrichtete an den Kunsthochschulen in Kassel und Karlsruhe - und wird in den nächsten Wochen wieder ganz aktuell und ganz präsent sein.
Nicht nur in Neuss, wo die Sparkasse und die Kreisverwaltung dem Künstler eine umfangreiche Ausstellung widmen, sondern im gesamten bundesrepublikanischen Straßenbild: Denn Stenverts Motiv von Europa und dem Stier, dessen Original im Düsseldorfer Flughafen hängt, ziert das Europa-Plakat, das die Europäische Union zu den kommenden Wahlen herausgibt. Dass ein Künstler wie der 1920 in Wien geborene Stenvert geradezu prädestiniert zu sein scheint, eine Idee wie die vom europäischen Zusammenleben zu transportieren, macht die Schau "Bilder und Objekte" in Neuss indes mehr als deutlich.
So vielseitig und phantasievoll er auch war - Curt Stenvert war ganz Hier und Jetzt verankert. Insofern nämlich, als dass er an den Zeitläuften teilnahm, sie beobachtete, künstlerisch analysierte und dabei immer einen im Blick hatte: den Menschen. Was zwischen Mann und Frau, Mensch und Welt und drumherum passierte, galt seine ganze Aufmerksamkeit. Und wenn er erlebt hätte, durch welches Miteinander von Menschen die Ausstellung in der Sparkasse zustande gekommen ist - es hätte ihm gefallen.
Die Witwe des Künstlers, Antonia Stenvert-Mitrowski, ist dabei zusammen mit dem Stenvert-Sammler Franz A. Lenze aus Grevenbroich der Dreh- und Angelpunkt; beide waren bei der Will-Brüll-Schau im vergangenen Jahr anwesend. Vom ersten Kontakt bei dieser Gelegenheit über den Besuch von Sparkassen-Vorstandsmitglied Heinz Mölder und Landrat Dieter Patt im Kölner Atelier und der Vertragsunterzeichnung war es dann nur noch ein kurzer Weg.
Und so haben nun 23 Bilder, diverse Zeichnungen und zeitkritische Objekte den Weg in die Sparkasse und ins Kreishaus gefunden. In seiner Malerei, die in der Kundenhalle der Sparkasse ausgestellt ist, verbindet Stenvert das Heute immer wieder mit antiken Motiven: Michelangelos David zum Beispiel als ewiger Mensch in der Lichtpyramide, ein Kämpfer des Lebens, Sieger und Verlierer gleichermaßen. Dass so manches Bild eine mystische Sprache spricht, gar Pathos ausstrahlt, mindestens aber eine meditative Kraft hat, passt zu Stenverts Worten von der "Bestimmung des Menschen als Erkenner der großartigen Gesetzmäßigkeiten und der Harmonie des Alls".
Und weil seine leuchtenden Motive auf Goldgrund gebaut sind, strahlen seine Bilder auch etwas Erhabenes und Verheißendes aus, erinnern flüchtig an die Sinnbildhaftigkeit der Ikonenmalerei - vielleicht, weil auch Stenverts Bildern das Prinzip der Unabänderlichkeit der göttlichen Schöpfung inne wohnt. Stenvert selbst sah im Goldgrund den "Ausdruck des Menschen nach Beständigem, dem Gültigen, dem Absoluten", wobei für die Kunsthistorikerin Dr. Gabriele Broens, die mit einem Vortrag in die Arbeit Stenverts einführte, "die Verwendung von Gold auf etwas Fernes, Zukünftiges, Utopisches" verweise.
"Wir wollen den Mars erobern - warum nicht den inneren Menschen?" Die Worte zu einer Installation im Kreishaus, auf dem ein (plastisches) Raumfahrzeug sich durch einen Farbenstrudel zu manövrieren versucht, sind so etwas wie ein Programm für Stenvert. Die zeitkritischen Objekte im Kreishaus, deren Raum-Wirkung allerdings von den zahlreichen Werbeständen beeinträchtigt wird, zeugen sehr deutlich von dem, was den Künstler umgetrieben hat.
Der Mensch lebt in einem Kosmos ohne sein Zutun, ist seinen Wirkungen ausgeliefert, wird getrieben, sie auszuforschen, setzt eine rasante technische Entwicklung in Gang und lässt dabei ein anderes, unbekanntes Land brach liegen: das eigene Innere. Vielleicht aber fehlt es ihm auch nur an den richtigen Instrumenten - und diese will Stenvert mit seiner Kunst liefern.
Mit seinen Installationen und seiner Malerei, in denn sich Bildhaftigkeit und Wortsinn zu einem erhellenden, oft genug auch von schwarzem Humor geprägten Miteinander verknüpfen. Für Stenvert liegt das Wohl und Wehe in der Kybernetik.
Jene Vorgehensweise, die laut Duden eine wissenschaftliche Forschungsrichtung meint, die "vergleichende Betrachtungen über Steuerungs- und Regelungsvorgänge anstellt". Oberstraße, bis 11. Juni
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