Im Grunde hat er nichts anderes durchgemacht als Millionen anderer Jungen auch. Hat sich mit dem Bruder gestritten, ist zur Schule gegangen, hat sich geprügelt, die erste LP gekauft, an der großen Liebe gelitten, mit Freunden feuchte Feten gefeiert und ist irgendwie erwachsen geworden. Schreibt Geschichten aus einem fremden Land, in dem er sich wie zu Hause fühlt: Serdar Somuncu.
"Aber irgendwann habe ich gemerkt, das mit mir etwas nicht in Ordnung war. Alle anderen hatten helle Haar und helle Augen und helle Haut, nur ich hatte dunkle Haare und braune Augen und eine Haut, die zwar nicht dunkel war, aber allzeit bereit zu sein schien, dunkel zu werden."
Serdar, seine Eltern, seine Geschwister sind Türken, die vor Jahrzehnten nach Neuss kamen und dort heimisch wurden. Einerseits. Denn andererseits zog es sie in jedem Sommer zurück in das Land, das sie immer noch Heimat nennen, auf eine mehrtägige Reise in einem vollbepackten Auto durch Länder und Gegenden, die das Ganze immer wieder zu einer "Fahrt ins Ungewisse" werden ließen. Nach sechs Wochen mit den Großeltern und dem Rest der Familie wurden wieder die Sachen gepackt - "nach Hause? Wo war unser Zuhause?
Hier, wo wir uns inmitten unserer Freunde und Verwandten befanden, oder dort, wo wir der Rest unserer Sachen vergessen hatten?" Genau dieses Wandern zwischen zwei Welten oder besser: von der einen in die andere und wieder zurück, macht die Geschichten vom Erwachsenwerden des Schauspielers Serdar Somuncu zu besonderen.
In einem Buch hat der künstlerische Leiter des Kammerensemble Neuss (KEN) jetzt einige zusammengefasst: "Getrennte Rechnungen" ist vordergründig der Titel einer Reflexion über die Gastfreundschaft und die deutsche Restaurant-Regel, getrennte Rechnungen zu verlangen, und hintergründig ein Synonym für die Summe aus den in beiden Welten gemachten Erfahrungen, die sich zwar wieder und wieder überlappen, aber nicht grundsätzlich überein zu bringen sind.
Gleichwohl sind die Geschichten aus der Familie, der Schule, aus den Elternhäusern der deutschen Freunde keine handfeste Abrechnung. Dem Autor scheint nichts ferner zu liegen als eine wie auch immer geartete Anklage - obwohl manches Erlebnis leicht hätte dazu werden können.
Denn nicht alle Geschichten sind witzig wie die von der eigentümlichen Sprachvermengung des Türkisch-Deutschen ("Heidewitzka, Herr Kapitän") oder der verbotenen Fete beim besten Freund ("Sturmfrei ins Delirium"). Manche tun beim Lesen geradezu weh, etwa wenn das stolze kleine I-Männchen bei der Klasseneinteilung bis zum Schluss sitzen bleibt und dann in einer Sondergruppe landet ("Mein Tag") oder machen nachdenklich wie die Betrachtung über die Uneinigkeit in den Weihnachtsbräuchen ("Salamaleikum, Herr Weihn-ach-mann").
Somuncu macht das einzig Sinnvolle in dieser Lage: Er schildert. Macht sich zwar seine Gedanken, aber begeht selten den Fehler, moralisch zu werten - höchstens den, aus der Warte des rückwärts schauenden Erwachsenen manch kindliches Gefühlschaos allzu sehr zu negieren. hbm
Serdar Somuncu: Getrennte Rechnungen, gebunden, 189 Seiten, Gustav Lübbe Verlag, 16 Euro
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