Neuss (KaTse) Miteinander können sie nicht leben, dafür sind sie zu verschieden, ohne einander aber auch nicht - die beiden benachbarten Dörfer, die irgendwo in der thailändischen Provinz unselig, ungewollt, untrennbar verbunden sind wie siamesische Zwillinge.
Allerdings höchst ungleiche: Aus fünfzig Häuschen mit überdachten Holzterrassen, frisch bezogenen Betten und gefüllten Schnapsregalen besteht das eine, das unmittelbar am Traumstrand auf Touristen wartet.
Aus „Ölfässern, alten Türen, Bananenkartons und allerlei anderem Abfall“ besteht das andere Dorf, landeinwärts im Dschungel gelegen, dessen Bewohner Einheimische sind.
Sie schätzen sich glücklich, wenn sie einen Job im Nachbardorf ergattert haben, und dort tagein, tagaus Waschbecken putzen und Schokoladentrüffel auf Kopfkissen legen.
„Das siamesische Dorf“ heißt der packende Roman, aus dem die Journalistin und Autorin Eva Demski beim „Literarischen Sommer“ in der Stadtbibliothek so fesselnd vorlas, dass man fast glaubte, das Rauschen der Palmen, und das Flüstern der Einheimischen hören zu können.
Mit tiefer, ruhiger Stimme las Demski vor und faszinierte dabei mit der dichten atmosphärischen Schilderung des tropischen Doppelorts, in dem die einen Flucht, Entspannung, Abenteuer oder gar ein neues Leben suchen, die anderen auf ein bisschen Wohlstand hoffen.
Vor allem aber fesselt Demski ihre Leser durch den behenden Wechsel, mit dem sie die verschiedenen Perspektiven ihrer Figuren zum Zuge kommen lässt.
Leichtfüßig wechselt sie wie die Kamera in Robert Altmans „Shortcuts“ von einer Figur zur nächsten, verweilt bei ihr und erzählt eine Weile aus ihren Augen weiter.
Ebenso sensibel wie humorvoll führt sie ihre Leser dabei in die Welt der zwanzigjährigen Virikit, die stundenlang auf ihren Füßen sitzen kann, „während sie mit einem Messerchen Melonen in Blüten und Papayas in Tier verwandelt“.
Sie erzählt von Mr. Oss, dem Manager des Feriendorfs, der ein großes Herz für Tiere hat und sich von den Einheimischen immer ein bisschen hintergangen fühlt.
Auch führt Demski in die Welt der Zivilisationsflüchtlinge, die zwölf Stunden mit dem Flugzeug geflogen sind, um dem eigenen Leben zu entkommen und Unterschlupf zu finden in der großen Illusion vom tropischen Paradies.
Wie trügerisch und zerbrechlich diese ist, machen nicht zuletzt die Leichenteile deutlich, deren Auftauchen die Idylle trübt.
Ermordete Mädchen, ein großes, goldenes Huhn und der heilige Schlangenmann - was es mit all dem auf sich hat, verriet die Autorin freilich nicht, sondern ließ ihren Hörern die Neugier auf eine spannende Lektüre bei durchaus thailändischen Temperaturen.
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