Rhein-Kreis Neuss Die Hotelbar am Abend nach einem anstrengenden Tag in der Messehalle, die Abflughalle oder der ICE - das sind die Tatorte, an denen spioniert wird, und zwar ganz banal, ohne sich strafbar zu machen.
Das zumindest behauptet Elke Hohmann, Innovationsbeauftragte der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein.
„Diese Tatsache ist den meisten Unternehmen überhaupt nicht bewusst“, weiß sie aus Erfahrung.
„Spionage in unserem Unternehmen, so ein Quatsch“, sei nicht selten die Meinung der Unternehmer.
Und dabei funktioniert es so komplikationslos. „Wissen Sie, wer Ihnen im ICE gegenüber sitzt und Ihr Gespräch belauscht oder wer an der Hotelbar abends in entspannter Atmosphäre neben Ihnen sitzt, wenn sie mit einem Kollegen Vertrauliches austauschen?“, fragt die Fachfrau.
Oder: „Merken Sie in der Abflughalle, wenn Sie an Ihrem Laptop arbeiten, ob Ihnen jemand diskret über die Schulter schaut?“
„Wir versuchen, die Unternehmen für Wirtschaftsspionage und -kriminalität sensibel zu machen“, fährt Elke Hohmann fort.
Will heißen: Die IHK bietet immer wieder Veranstaltungen zum Thema „Sicherheit in der Wirtschaft“ an.
Klar sei, und da sind sich Hohmann und NRW-Innenminister Dr. Ingo Wolf einig, dass die größte Sicherheitslücke nicht die Technik, sondern eben der Mensch selbst ist, der unachtsam plaudert oder wichtige Unterlagen einfach liegen lässt.
Deutlich wurde das auch während der Tagung „Wirtschaftsschutz in NRW 2006“ der Landesregierung.
Wirtschaftsspionage füge der Wirtschaft jährlich Schäden in Millionenhöhe zu, belegen aktuelle Studien von Wirtschaftsprüfungs- und Consulting-Gesellschaften.
„Spionage wird heute weniger von ideologischen Gesichtspunkten geprägt als von dem Wunsch, eine wirtschaftliche Vormachtstellung zu erreichen“, erklärte der Innenminister.
Seit Oktober 2001 kooperieren die Vereinigung der Industrie- und Handelskammern NRW sowie der Verband für Sicherheit in NRW auf der einen und das Innen- und Wirtschaftsministerium auf der anderen Seite in einer Public-Private-Partnership, um Wirtschaftsspionage und -kriminalität schon im Ansatz zu verhindern.
Denn Deutschland ist mit seinem hohen Standard in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung ein lohnendes Ziel.
Nach Ansicht vieler Fachleute ist die Dunkelziffer hoch. Denn ein Unternehmen, das bekannt macht, Ziel eines Spionageangriffs gewesen zu sein, riskiert neben einem hohen finanziellen Schaden auch immer einen Image-Verlust.
„Das Thema Spionage hat für uns keine Bedeutung“, sagt Nicole Harder, PR- und Marketing-Managerin bei Teepack in Meerbusch.
Denn die Teewelt sei klein und daher recht überschaubar. Das sieht beim Neusser Unternehmen 3M schon anders aus, wie Pressesprecher Manfred Cremer erklärt: „Wir nehmen das Thema sehr ernst und haben hohe Sicherstandards.
So kommt kein Besucher in unser Haus, ohne dass ein Mitarbeiter dabei ist.“ Außerdem erhalte jeder Besucher eine kurze Unterweisung, und ins Forschungszentrum kämen ohnehin nur Leute mit einer speziellen Zugangsberechtigung.
Wie im Bayerwerk der Spionage vorgebeugt wird, wollte Oliver Guenther von der Konzernkommunikation nicht verraten. „Dann machen wir uns ja angreifbar.“
Individuelle Beratung tut also Not, und die bietet der Verfassungsschutz. Waren es 2001 noch 30 Anfragen, stieg die Zahl bis 2005 auf gut 120 mehr.
Auf der Fachmesse „Security 2006“ im Oktober in Essen können sich Unternehmen ebenfalls informieren.
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