Mit viel Elan ist er gestartet, jetzt droht die Bruchlandung: "Der Berliner", die Ich-AG von Thorsten Lessing aus Neuss, gerät bereits wenige Wochen nach dem Schritt von der Arbeitslosigkeit in die Selbständigkeit ins Trudeln.
Der Grund: Lessing, der einen Brötchenservice betreibt, hatte fest mit einem lukrativen Geschäft in den S-Bahnzügen der Bahn AG gerechnet. Nun jedoch ist das Geschäft geplatzt. In der S-Bahn wollte er - wie kürzlich in der Regiobahn Kaarst-Mettmann erfolgreich angelaufen - belegte Brötchen, Süßigkeiten und Zeitungen verkaufen.
"Für mich war die Sache klar", sagt Lessing. Der Startschuss sollte in der S-Bahn-Linie 8 fallen. Noch mit Schreiben vom 6. November hatte die DB Regionalbahn Rhein-Ruhr GmbH in Essen Lessing mitgeteilt: "Die Vertragslaufzeit kann unseres Erachtens bereits am 1. Dezember 2003 beginnen..." Lessing war zu diesem Zeitpunkt - ohne schriftlichen Vertrag, wie er heute bereut - bereits mitten in den Vorbereitungen: Gesundheitszeugnisse und Versicherungen für sich und seine Mitarbeiter waren ebenso veranlasst wie der Kauf eines Trolleys, wie ihn die Bahn vorgeschrieben hatte.
Umsonst, wie sich jetzt herausstellte: Die Bahn vollzog eine Kehrtwende. Kein Bedarf, so heißt es plötzlich in Essen. "Vorgesetzte Ebenen", erklärt Uwe Kissel von der DB Regional Rhein-Ruhr GmbH auf Anfrage der NGZ, hätten entschieden, das Thema Catering in S-Bahnen zunächst zurückzustellen. Umfragen hätten ergeben, dass den Fahrgästen dieser Züge Verpflegung "nicht so wichtig" sei.
Und wenn schon Catering im Zug, dann plane die Bahn nun einen großräumigen Dienst nach einheitlichem Standard und Muster. Keine Chance mehr für den "Berliner" aus Neuss? "Jetzt stehe ich mit dem Rücken an der Wand", sagt Lessing, der befürchtet, auf den Rechnungen für seine Vorleistungen - Trolley, Personal, Versicherungen und anderes - sitzen zu bleiben.
Auch die gesamte Kalkulation für seine Ich AG sieht Lessing über den Haufen geworfen. Der beworbene Preis von 99 Cent fürs frisch belegte Brötchen sei mit Blick auf das Großgeschäft in den Zügen entstanden. Bahn-Mitarbeiter Uwe Kissel kann im Gespräch mit der NGZ die Enttäuschung Lessings angesichts des plötzlichen Kurswechsels des Verkehrsunternehmens nachvollziehen: "Nicht nur er, sondern auch wir sind aus allen Wolken gefallen."
Lessing sei, so Kissel weiter, bereits zugesagt worden, dass sich die Bahn die ihm entstandenen Kosten "anschauen" werde, um eine Lösung zu finden. In etwa einem Jahr solle zudem ein Cateringdienst auf der Regionalbahnlinie zwischen Essen und Münster angeboten werden - möglicherweise könne sich der "Berliner" an der Ausschreibung beteiligen.
Auch gebe es Ideen, für das Catering in der Bahn ein Franchise-System zu entwickeln, um in allen Zügen nach einheitlichem Muster Verpflegung anzubieten. "Das könnte auch für Existenzgründer eine Möglichkeit sein, ins Geschäft zu kommen", sagt Kissel. Für Thorsten Lessing jedoch kommt diese Idee wohl zu spät. Er muss schnell eine tragfähige Lösung für seinen Betrieb finden. Bruder und Freundin wollen zwar zunächst unentgeltlich weiter mitarbeiten, ohne neue (Groß-)Kunden allerdings dürfte es schlecht um den Berliner stehen. ki
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