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Lokale Wirtschaft: „Für Rentenfragen sensibilisieren“

VON THILO ZIMMERMANN - zuletzt aktualisiert: 26.05.2006 - 21:30

Rhein-Kreis Neuss Die CDU-Kämpen aus dem Rhein-Kreis Neuss sind ihm wohl bekannt, dem ehemaligen Kanzleramtsminister.

„Bevölkerung ist mehr bereit, sich über Altersvorsorge zu informieren“: Friedrich Bohl, Vorstand der Deutschen Vermögensberatung, im NGZ-Interview.
 Foto: NGZ
„Bevölkerung ist mehr bereit, sich über Altersvorsorge zu informieren“: Friedrich Bohl, Vorstand der Deutschen Vermögensberatung, im NGZ-Interview. Foto: NGZ

Bei seinem Besuch im Pressehaus an der Moselstraße fragt Friedrich Bohl erst einmal nach Dr. Heinz Günther Hüsch aus Neuss, nach Willy Wimmer aus Jüchen und Axel Prümm aus Grevenbroich. Und fügt gleich noch einen Witz an: „Als Ötzi in den Alpen entdeckt wurde, fragte er zuerst, ob Willy Wimmer noch Bundestagsabgeordneter ist.“ Aber im Ernst: Bohl arbeitet heute als Vorstand der Deutschen Vermögensberatung AG, die in Meerbusch ein großes Berufsbildungszentrum betreibt, und äußert sich im Interview mit der Neuß-Grevenbroicher Zeitung zu aktuellen Fragen.

Herr Bohl, Ihnen ist der Sprung von der Politik in die Wirtschaft gelungen. Was ist der große Unterschied?

Friedrich Bohl In der Wirtschaft ist es so, dass Sie unmittelbar für Ihr Handeln in Haftung genommen werden - im Positiven wie im Negativen. Sie sehen, ob ihre Zahlen nach unten oder nach oben gehen. Sie merken, der Verkauf zieht an oder nicht. Sie legen ein neues Produkt auf und erkennen, dass es angenommen wird oder nicht. In der Politik ist die Wirkung Ihres Handels mittelbarer und langfristiger. Da wird die Verantwortung schon einmal weiter geschoben auf die Kommune, auf den Kreis, auf das Land, auf den Bund und umgekehrt. Der Unterschied ist markant. In der Wirtschaft weiß man: Da bist Du schuld, da hast Du Geld in den Sand gesetzt.

Wie sehen Sie die Lage der Großen Koalition nach der größten Steuererhöhung der deutschen Geschichte?

Bohl Ich setze sehr auf die Große Koalition. Sie macht bisher einen guten Job - nicht euphorisch und mit großem Getöse, sondern sehr realistisch. Was mich überrascht, ist die jetzige Aufregung über die Steuererhöhung. Sie steht bereits in der Koalitionsvereinbarung vom November 2005. Das ist ein halbes Jahr her, und jetzt - wo sie beschlossen ist - wird das erst richtig registriert. Diejenigen, die sich mit Wirtschaft befassen, haben die Mehrwertsteuer-Erhöhung aber schon vorweggenommen. Das ist längst in die Märkte eingegangen.

Eine Umfrage hat gezeigt, dass die meisten wissen, dass Sie etwas für die Altersvorsorge unternehmen müssen, aber über das Sparbuch-Sparen kommen die wenigsten hinaus. Sie die Deutschen „Finanz-Analphabeten“, wie eine Zeitung schrieb?

Bohl Soweit würde ich nicht gehen, aber richtig ist wahrscheinlich, dass die Deutschen in Finanzdingen eine gewisse Scheu haben, sich beraten zu lassen. Obwohl das sehr sinnvoll wäre. Wir sind Spezialisten, wir haben gute Erfahrungen mit vier Millionen Kunden, und wir können nur jeden ermutigen, sich in der Frage der Altersvorsorge beraten zu lassen. Auch deshalb, weil es durchaus möglich ist, mit einer geschickten Kombination der bestehenden Möglichkeiten einen Vermögensaufbau zu betreiben, ohne dass es einen Cent Geld kostet.

...und wie soll das geschehen?

Bohl Wenn man zum Beispiel die Förderung für eine Riester-Rente nutzt. Wenn man Gehaltsumwandlung betreibt. Wenn man die steuerlichen Möglichkeiten des Alterseinkünftegesetzes in Anspruch nimmt. Dann ist es meist so, dass man einen gewissen Betrag frei schaufelt und ihn für die Altersvorsorge nutzen kann, ohne dass man groß sparen oder Konsum-Verzicht leisten muss.

Was halten Sie von der so genannten Rürup-Rente, die ebenso auf einer Steuer-Ersparnis aufbaut?

Bohl Nun, wir sind keine Produkt-Verkäufer. Wir schneidern für jeden individuelle Konzepte, und da kann auch die Rürup-Rente das Richtige sein. Bei einem Facharbeiter - 30 Jahre, verheiratet, zwei Kinder - spricht viel für die Riester-Rente. Bei einem 55-jährigen, selbständigen Ledigen spricht viel für die Rürup-Rente. Da kann man nicht pauschal sagen, „Riester“ ist besser als „Rürup“ oder umgekehrt. Es kommt auf die persönlichen Bedürfnisse, die Biografie und das Umfeld an.

Wie sieht denn die Nachfrage nach Altersvorsorge-Produkten bei der Deutschen Vermögensberatung aus?

Bohl Die Tendenz ist absolut steigend. Dabei ist „Rürup“ mehr für eine bestimmte Klientel geeignet und „Riester“ mehr für die breite Masse. Deshalb sind Nachfrage und Vermittlung von „Riester“ erheblich größer als von „Rürup“. Wir haben im Vorjahr 145 000 Riester-Renten vermittelt. Damit sind wir im Markt weit oben. Wahr ist auf alle Fälle, dass die Thematisierung der gesetzlichen Rente - Stichwort „Rente mit 67“ - in der Bevölkerung zu mehr Sensibilität und Bereitschaft geführt hat, sich zu informieren.

„Panik an den Finanzmärkten“ titelten die Wirtschaftszeitungen in den vergangenen Tagen. Fast überall gingen die Kurse bergab. Keine gute Atmosphäre, um Menschen zum sinnvollen Sparen zu motivieren, oder?

Bohl Das sehe ich anders. An der Börse geht es immer auf und ab. Man muss sehen, dass wir bei uns Produkte haben, die von diesen Schwankungen unabhängig sind. Wir fragen unsere Kunden ganz konkret, ob sie risikobereit sind oder mehr auf Sicherheit gehen wollen. Natürlich gibt es Kunden, die auf Risiko setzen und in eine fondsgebundene Lebensversicherung sehr wachstumsorientierte Fonds hineinmischen. Andere möchten nur Sicherheit, was sich natürlich dann auch in der Rendite niederschlägt. Seit dem Crash 2000/2001 sind Sicherheitsbedürfnis und Sicherheitsempfinden der Bürger bei der Kapitalanlage erheblich ausgeprägt.

Wie bewerten Sie die aktuelle Lage an den Finanzmärkten? Ist der Aufschwung zu Ende?

Bohl Och, das wird man sehen. „Schau’n mer mal“, um mit Franz Beckenbauer zu sprechen. Meine persönliche Meinung ist, dass sich der rasante Kursanstieg an den Aktienbörsen im Moment schlichtweg eine kurze Pause gönnt. Es wird mit gebremstem Schaum weitergehen.

Hilft uns die Fußball-WM bei Konjunktur und Optimismus?

Bohl Das hängt vom Ergebnis ab. Wenn wir schon in der Vorrunde ausscheiden, kann ich mir nicht vorstellen, dass das den Optimismus groß hebt. Ich halte von solchen Dingen auch relativ wenig. Es kommt darauf an, dass Optimismus nachhaltig ist. Richtig ist, dass Wirtschaft zu 50 Prozent auch Psychologie ist. Aber was bringt ein einmaliges Glücksgefühl? Da freuen sich zwar viele, aber die Wirkung auf die Wirtschaft ist sehr begrenzt.

Wer wird Weltmeister?

Bohl Ich befürchte, nicht Deutschland. Aber auf jeden Fall der Sieger des Finales...

Quelle: NGZ


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