Von Thilo Zimmermann
Zoff im Gewerkschaftslager: Das DGB-Berufsfortbildungswerk schließt unter anderem den Standort Neuss. Der Betriebsrat ist sauer. Nun ging die Sache vors Arbeitsgericht.
Wenn Christopher Koos lakonisch von "dem Arbeitgeber" spricht, dann meint er die Gewerkschaft. Und das berge "eine gewisse Brisanz", wie der 44-jährige Metallbaumeister einräumt. Koos ist Betriebsrat bei der Berufsfortbildungswerk (bfw) GmbH, einer gemeinnützigen Einrichtung des Deutschen Gewerkschafts-Bundes (DGB). Das Unternehmen schließt seinen Standort an der Moselstraße in Neuss - "definitiv zum 31. Januar 2004", wie Werner Schäfer, Leiter der bfw-Zweigstelle "Nordrhein-Westfalen I" in Erkrath gestern bestätigte.
Eine ähnliche Einrichtung in Burscheid ist bereits dicht, Ausbildungsstätten wie in Erkrath und Duisburg kommen hinzu. Ganz in Frieden geschieht das alles nicht: Die Angelegenheit beschäftigte soeben das Arbeitsgericht in Düsseldorf. "Die Geschäftsführung hat uns bis heute nicht umfassend informiert, und der Betriebsrat möchte die entsprechenden Unterlagen einsehen, damit Waffengleichheit beim Informationsstand herrscht", betont Koos.
Letztlich sei es zu einem Vergleich gekommen: "Klar ist, dass die Einigungsstelle zuständig ist, weil der Arbeitgeber eine Betriebsänderung plant," heißt es. Jetzt will der Betriebsrat einen Sozialplan aushandeln und "zu einem Interessenausgleich kommen".
An der Moselstraße stehen zurzeit acht Mitarbeiter bei bfw unter Vertrag. Bis zu zweijährige Aus- und Fortbildungen führen die Tischler oder Metallbauer zum Abschluss des Handwerkskammergesellenbriefs. "Alle Teilnehmer sind Ende 40, Anfang 50 - wenn die erst einmal auf der Straße stehen, bekommen sie keine Chance mehr", sagt Koos. Außerdem habe der ursprünglich an der Augustinusstraße angesiedelte Standort "seit rund 20 Jahren Tradition in Neuss".
Der Betriebsrat verkneift sich Kritik an der DGB-Tochter nicht: "Das Arbeitsamt hat deutlich gemacht, dass es mit den Räumen und der Ausstattung nicht ganz zufrieden ist, aber ein Umzug war dem Arbeitgeber wohl zu teuer." Zweigstellenleiter Schäfer hält dies für "eine etwas subjektive Wahrnehmung".
Trotzdem spricht auch er davon, dass es schon einmal "zu Geruchs- und Kommunikationsproblemen" gekommen sei, wenn die Fenster des Unterrichtsraums Richtung Autobahn geöffnet wurden. "Wir haben lange nach einer anderen Halle geschaut, die Suche dann aber eingestellt", berichtet Schäfer. Entscheidender Punkt für die Schließung sei "die nicht kostendeckende Auftragssituation" des Unternehmens.
Schuld sind die Hartz-Konzepte und die damit verbundenen Einschnitte der Bundesregierung. "Wir verzeichnen Umsatzeinbrüche, weil unsere Maßnahmen vom Arbeitsamt nicht mehr so bestückt werden wie früher", so Schäfer. Es würden nur noch solche Bildungsangebote unterstützt, die mindestens 70 Prozent der Teilnehmer in den ersten Arbeitsmarkt reintegrierten.
"Und das ist bei bestimmten Zielgruppen oder Lehrgängen ganz schwer oder gar nicht zu erreichen. Von der Aufnahmekapazität des Arbeitsmarktes ganz zu schweigen", so der bfw-Leiter. Auch die Gewerkschaft muss ökonomisch denken.
Die neuesten Nachrichten und Berichte aus Politik, Wirtschaft, Panorama, Sport, Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft, Multimedia, Auto,
Reise und Beruf - im Archiv auch gratis recherchierbar. Dazu die besten Bilder, Live-Ticker, Kolumnen und Hintergrundberichte.