Neuss „Arzneimittelfälschung ist ein globales Problem“, sagt Harald G. Schweim und zeigt auf eine Weltkarte. Fast alle Regionen sind grün (gleich „problematisch“) markiert, nur zwei von ihnen erstrahlen in unschuldigem Weiß: Es handelt sich um Grönland und um Afrika.
„Letzteres aber nur, weil keine Daten vorliegen“, berichtet der Professor von der Universität Bonn. Er gehörte am Mittwoch zu den Experten, die sich im Forschungszentrum der 3M Deutschland GmbH in Neuss zur Tagung „Lösungen zum Schutz vor Arzneimittelfälschung“ trafen.
Brandsalben mit Sägemehl, Impfstoffe, die Wasser enthalten, Potenzmittel ohne Wirkung, AIDS-Präparate, in denen Arsentrioxid erwartete Nebenwirkungen simuliert - der Markt der Produktfälscher wird immer größer. Und lukrativer.
Der Anteil gefälschter Pharmazeutika beträgt bis zu zehn Prozent, in Ländern wie Nigeria wird er auf bis zu 80 Prozent geschätzt. Die Gewinne der Medizin-Piraten können im Milliarden-Bereich angesiedelt werden. „Das sind Summen, für die werden Morde begangen“, stellt Schweim klar.
Kurt-Henning Wiethoff, Geschäftsführer der 3M Deutschland GmbH, weiß ein Lied davon zu singen. 3M ist mit seinem Health-Care-Segment stark in Krankenhaus-Geschäft und Dental-Markt vertreten und selbst schon Opfer illegaler Machenschaften geworden.
„Präparate aus unserer eigenen Herstellung sind im Internet vertrieben worden. Eigentlich sollten sie ohne Cellophan-Hülle im Quarantäne-Lager liegen, doch mit hoher krimineller Energie wurden sie herausgeschafft, verpackt und verkauft“, so Wiethoff.
Sein Konzern ging in die Offensive und entwickelte Maßnahmen gegen die Gangster: Übertragungssichere 3M-Label machen Manipulationen an einer Verpackung sichtbar, und Sicherheitssiegel werden beim Versuch, sie zu entfernen, zerstört. Hologramme wie auf den Euro-Scheinen zeigen, dass ein Produkt geschützt ist und erschweren den Ganoven so das Handwerk.
Professor Schweim diktierte den Vertretern von Pharma-Industrie und -Handel konkrete Anweisungen in den Block. Verpackungen sollen gründlich vernichtet werden, so dass sie für den Wiedergebrauch untauglich sind.
Auch Medikamente aus Testphasen gelte es gezielt zu entsorgen, und das nicht nur im eigenen Haus, sondern auch bei Partner-Unternehmen, bei denen Mitarbeiter auf falsche Gedanken kommen könnten.
Letztlich setzt Schweim auf versiegelte Packungen und breit angelegte Aufklärungskampagnen. Die Medizin-Mafia, so der Gelehrte, gefährde schließlich nicht nur die Gewinne der Hersteller, sondern auch und vor allem die Gesundheit der Patienten.
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