"Auf geht's Deutschland", auch in Sonntagsreden wird der Slogan gern genutzt. Mehr Initiative, Erfindergeist und schulische Leistung, das sind die großen Forderung. Aber wie sieht es mit den entscheidenden Rahmenbedingungen aus? Die NGZ sprach mit Hans-Georg Torkel, Leiter des Berufsbildungszentrums Neuss und Initiator des "Netzes innovativer Bürgerinnen und Bürger" (NiBB). Hans-Georg Torkel: "Deutschland ist mit Ausnahmen nicht offen für Erfinder." NGZ-Foto: A. Woitschützke
NGZ: Herr Torkel, Stichwort "Auf geht"s Deutschland": Welches sind kurz gefasst die fünf wichtigsten Bereiche, in denen neue Wege eingeschlagen werden müssten, damit es in Deutschland wieder aufwärts geht?
Hans-Georg Torkel: Wir müssen generell weg vom Reparieren, hin zu präventivem Denken und Handeln. Das Bildungssystem ist zu reformieren. Unsere Wirtschaft muss wieder mehr neue, innovative Produkte anbieten. Existenzgründer brauchen mehr sich ergänzende, gut strukturierte Netzwerke. Bürokratie ist zu reduzieren, es gilt Zuständigkeiten zu optimieren und vor allem zeitgemäße Strukturen zu entwickeln.
Zu oft sind Juristen die Entscheidungsträger. Mehr Ingenieure in leitenden Funktionen könnten helfen, ein innovationsfreudigeres Klima zu schaffen. Staatliche Fördergelder müssten viel stärker die kreativen Potenziale an der Basis erreichen, statt die unproduktiven "Wasserköpfe" zu unterstützen.
NGZ: Als Leiter eines Berufsbildungszentrums sind Sie von der Diskussion über die Pisa-Studie und viele Vorwürfe gegen deutsche Schulen direkt betroffen. Sind die deutschen Schulen wirklich so schlecht wie ihr Ruf? Wenn ja, welches sind Ihrer Meinung nach die Bereiche, die besonders dringend reformiert werden müssen?
Torkel: Auch für unsere Schulen gilt: Bürokratie abbauen und weg von den zu großen, komplexen Einheiten. Große Schulen und Berufskollegs sollten von einem Leitungsteam aus Didaktiker, Geschäftsführer und Verwaltungsfachmann geführt werden, wobei die Didaktik Vorrang haben muss. Lernstandards sind wichtig, sollten aber große Gestaltungsspielräume berücksichtigen. Eine Reduzierung der Unterrichtsinhalte muss zu Gunsten der Schlüsselqualifikationen vorgenommen werden.
Lernen darf nicht losgelöst von gesellschaftlicher Realität stattfinden. Schüler lernen selbstorganisiert erfolgreicher und motivierter. Unterricht muss Zusammenhänge deutlich machen und "handfeste" Ergebnisse liefern. Wir müssen die vorhandenen speziellen Kompetenzen unserer Jugend stärker berücksichtigen und die Jugend verstärkt an innovativen Themen beteiligen. Lernen muss in hohem Maße sinnstiftend sein. Erweiterte Strukturen für ganztägiges Lernen sind wichtig, wobei dies nicht nur mit Lehrern realisiert werden sollte.
NGZ: Schülern wird oft fehlende Motivation und Desinteresse vorgeworfen. Machen Sie diese Beobachtung auch? Wo liegen mögliche Ursachen?
Torkel: Unser schulisches Auslesesystem schafft zu viel Demotivation und "isoliert", außerdem sind die Rahmenbedingungen für Lernen häufig nicht ausreichend. Nicht intakte Elternhäuser und Fehlentwicklungen in der Gesellschaft behindern das Lernen. Lernthemen, die häufig nicht der Wirklichkeit entsprechen und das Fehlen gemeinsam akzeptierter (gesellschaftlicher) Ziele schaffen eine ungünstige Basis für motiviertes Lernen.
Besonders demotivierend für die jungen Leute ist die zum Teil vorhandene Perspektivlosigkeit für ihr späteres (Berufs-)Leben, außerdem fehlen sinnstiftende Vorbilder. Jugendliche, die vielfach durchaus mitgestalten wollen, werden von Erwachsenen nicht ausreichend ernst genommen.
NGZ: Noch immer drängen viele junge Menschen in die klassischen Hochschulstudiengänge. Welche aussichtsreichen Alternativen gibt es?
Torkel: Es gibt immer mehr moderne Studiengänge, wie zum Beispiel die Hybride-Qualifikationen. Neue Lehrberufe oder neue Studienschwerpunkte gibt es etwa in der Mechatronik, eine Zusammenfassung von Mechanik, Elektrik und Datentechnik. Ein weiteres Beispiel ist die Gebäudetechnik, eine Kombination von Elektro-, Sanitär- und Heizungstechnik.
Aussichtsreich sind technische oder naturwissenschaftliche Studiengänge, die mit guten kaufmännischen Kenntnissen kombiniert werden. Interessant ist ein Studium plus Lehre oder ein berufsbegleitendes Studium. "Alte" Studiengänge werden in Kombination mit großen Informatikanteilen wieder interessant. Und schließlich sollten Mädchen verstärkt über eine berufliche Zukunft in Naturwissenschaften und technischen Berufen nachdenken.
NGZ: Wird in den weiterführenden Schulen ausreichend über Berufe, Berufschancen und Perspektiven informiert?
Torkel: Nein, in der Regel nicht ausreichend und nachhaltig genug. Hier fehlen neue ergänzende Konzepte, die über mehrere Schuljahre angelegt sind.
NGZ: Halten die traditionellen Ausbildungsmodelle im handwerklich-technischen Bereich mit der rasanten technologischen Entwicklung Schritt?
Torkel: In manchen Bereichen nicht. Gerade kleinere Unternehmen, die Lehrlinge ausbilden, müssen bezüglich der Ausbildung und ergänzender Firmenberatung in einem Paket unterstützt werden. Problematisch ist, das einige Ausbildungsbetriebe in eigenen (Innovations-)Krisen stecken. Der Wirkungsgrad des Zusammenspiels von Schule und Betrieb könnte noch gesteigert werden. Ich meine, wir sollten die Bildungs- und Ausbildungszeit deutlicher als Fortschrittskatalysator im gesellschaftlichen Prozess nutzen.
NGZ: Als Initiator des Innovationspreises und des "Netzwerkes innovativer Bürgerinnen und Bürger" unterstützen Sie Erfindergeist, Faszination, Technologie, aber auch soziales Engagement. Wenn man vielen Politikern glauben würde, sind diese Eigenschaften in Deutschland längst verloren gegangen. Wer sind Ihre Mitstreiter? Wie kommen Sie auch an junge Menschen heran?
Torkel: Unsere Mitstreiter sind engagierte, kompetente und innovative Bürger, die bundesweit "entdeckt" und vernetzt werden. Die genannten Eigenschaften sind häufig verkümmert oder liegen brach. Nicht selten wird dieses Potenzial auch klein gehalten. Es gibt zu viele von sich überzeugte Besserwisser, die aufgrund vorhandener Strukturen in "Machtpositionen" sind.
In vielen Sonntagsreden wird vom notwendigen Engagement der Bevölkerung gesprochen, gleichzeitig jedoch berichten sehr viele besonders engagierte und kreative Menschen übereinstimmend von lähmenden Behinderungen, gerade durch die etablierten Strukturen.
NGZ: Was kann ihr "Netz innovativer Bürgerinnen und Bürger" vor diesem Hintergrund leisten?
Torkel: Das NiBB ist keine rechtliche Instanz sondern eine Philosophie, eine Bewegung. Interessierte Menschen gehen vorübergehend raus aus der "alten Struktur". Auf "neutralem Boden", dem NiBB, treffen sich einige engagierte, kompetente und innovative Bürger in kleinen Gruppen zu interdisziplinären Themen. Es sind häufig Menschen mit einer "Flamme im Herzen". Raum und Zeit wird durch die neuen Kommunikationswege überwunden.
Derzeit zählt das NiBB rund 4.500 interessierte Menschen, von denen einige innovative Projekte entwickeln. Das sich gut entwickelnde bundesweite KIT-Club-Projekt ist so ein Beispiel. Kinder und Jugendliche sollen für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik und Wirtschaft begeistert werden. Wir nehmen junge Menschen ernst.
Derzeit beginnt im NiBB ein neues NRW weites Projekt mit dem Namen "Ausgezeichnete Jugendliche". Es wird immer wieder versucht, die NiBB-Ergebnisse mit den "alten Strukturen" zu verzahnen. Manchmal kann man dem vorhandenen System besser von außen einige ergänzende Impulse geben.
NGZ: Ist Deutschland offen für Erfinder und Innovationen oder werden gute Ideen in den Mühlen der Bürokratie zermahlen?
Torkel: Deutschland ist mit Ausnahmen auf nicht offen für Erfinder und Innovatoren. Es gibt starke Behinderung durch die Bürokratie. Viele große Firmen haben kein Interesse an freien Erfindern. Neue Erfinder werden häufig mit allen Mitteln bekämpft. Finanzielle Förderprogramme erreichen sie nicht, Banken haben an Erfindungen oft kein Interesse.
Im Bereich "Von der Idee bis zur Vermarktung" gibt es nur wenige Kompetenzen, auf die Erfinder zurückgreifen können. In der Wirtschaft wurden aus meiner Sicht lange einseitige Prioritäten nur in Richtung der Großindustrie und teurer Großforschung gesetzt.
NGZ: Was unterscheidet den begabten Tüftler vom erfolgreichen Erfinder?
Torkel: Erfolgreiche Erfinder gibt es nur relativ wenige. Erfolgreich ist der Erfinder, der neben seinen Ideen sich gut vermarkten kann, Kaufmann und Existenzgründer ist und zudem viel Geld für den Firmenstart und den Aufbau der Produktion hat.
NGZ: Welchen Rat geben Sie Menschen, die glauben, eine auch wirtschaftlich interessante Erfindung gemacht zu haben, und diese nun in der Praxis umsetzen wollen?
Torkel: 1. Vorsicht mit der Weitergabe der Idee, nur mit Vertrauenspersonen sprechen. 2. Den Zusammenschluss mit Gleichgesinnten, etwa im Verein suchen, um aus Fehlern anderer lernen. 3. Marktanalyse und Recherche auf Neuigkeit, Akzeptanz und Machbarkeit sind ein Muss, bevor viel Geld ausgegeben wird und allzu häufig verloren geht. 4. Überschaubare Erfindungen haben mehr Chancen auf Realisierung als große, komplexe Projekte. 5. Unterstützung kompetenter Berater nutzen. Frank Kirschstein
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