Neuss Ihre Liebesgeschichte dauert nur 72 Stunden. Drei ganze Tage, in denen die beiden von der ersten unbändigen Verliebtheit bis zur Treue bis in den Tod alles durchmachen, was andere Paare nicht in zwei Leben schaffen würden.
Das lässt uns der Regisseur nicht eine Minute seiner Inszenierung vergessen. Norbert Kentrup, Shakespeare-Spezialist aus Neuss, beschließt mit „Romeo und Julia“ das internationale Theatertreffen im Globe und hat das Stück in der Bearbeitung für seine Companie „Shakespeare und Partner“ in zeitliche Häppchen eingeteilt. Noch 69 Stunden (so steht’s auf einem Stück Papier) - Romeo belauscht seine Julia unterm Balkon.
Noch 63 Stunden - Benvolio und Mercutio treiben auf der Straße ihre derben Späße. Noch 55 Stunden - Thybalt trifft auf Benvolio, Mercutio und Romeo; das Gerangel mit den dreien endet für ihn tödlich. Noch 17 Stunden - die Amme findet die vermeintlich tote Julia in ihrem Bett.
So geht es weiter bis zur Stunde 0: Weil die beiden zu wenig voneinander wissen, sterben Romeo und Julia in der Gruft der Capulets. Doch allen Degenkämpfen und Gifttränken zum Trotz ist das Liebespaar längst unsterblich geworden - und steht am Schluss mit allen anderen Toten des Stücks wieder auf und singt: „Feaver“.
Fiebrig war das Spiel bis dahin wahrlich. Vor allem von den beiden Romeo- und Julia-Darstellern Navíd Akhavan und Dominique Lüdi. Der gebürtige Iraner und die gebürtige Schweizerin sind so ganz zwei junge Menschen, die von der großen Liebe wahrlich überrollt werden und mit ihr umgehen, wie sie es aus glücklichem Mangel an Erfahrung auch gar nicht anders können: ungestüm, unbeholfen, ungeduldig, träumend, trotzig, fordernd.
Zugleich sind sie eine heftige Zumutung für ihre Umgebung: Benvolio (rundum überzeugend: Urs Stämpfli) und Mercutio (mit drögem Witz: Sebastian Bischoff) finden den Freund so verändert vor, dass er ihnen fast unheimlich ist; Julias Amme kennt ihren Schützling kaum mehr wieder, aber dessen Verliebtheit rührt sie, und sie lässt sich überzeugen, in dem heimlichen Spiel der beiden mitzumachen.
Kentrup hält sich in seiner Inszenierung streng an den klassischen Verlauf der Geschichte und findet doch genug Möglichkeiten, sie mit eigenen Akzenten zu versehen. Das liegt zum einen an der manchmal sehr lockeren, stets unverblümten Übersetzung Maik Hamburgers, der die Figuren aus dem von Übersetzer Schlegel einst gezeichneten rosa Himmel herunter zu den triebhaften Erdenbewohnern holt.
Und zum anderen an Kentrups eindeutigen Bildern, die der Sprache entgegenkommen, manch derben Sprachwitz mit schlüpfrigen Gesten gar noch toppen. Zudem setzt der Regisseur ganz auf seine Darsteller, von denen vor allem Barbara Kratz als Amme jeden ihrer Auftritte zu einem Paradestück deftigen Volkstheaters macht.
Sechs Darsteller teilen sich die zehn tragenden Rollen des Stücks, sind immer auf der Bühne präsent und verharren im Hintergrund auf ihren Stühlen, bis ihr Stichwort kommt. Wenn Elke Küppers sich von ihrer schön zickig-egozentrischen Mutter Capulet in Graf Paris, in die Karikatur eines Franzosen, verwandelt, sehen wir, wie sie sich das Menjou-Bärtchen anklebt.
Wenn Stämpfli von Benvolio zu Pater Laurenzo mutiert, sehen wir, wie er sich einen schwarzen Latz vor die Brust hängt - aber nichts davon stoppt den Sog der Tragödie. Kentrup und sein Ensemble wollen vor allem eine Geschichte erzählen - und sie halten das Publikum bis zur letzten Minute bei der Stange.
Warum der Regisseur es dennoch für nötig hielt, eine so unsägliche und alberne Figur wie Rudi Rhythmus einzubauen, der als Alleinunterhalter mit Keyboard auch noch das Publikum bespaßen muss; warum er sämtliche Figuren mit Pistolenhalftern ausstatten ließ; warum er im Hintergrund einen Mann postiert, der per Mischpult merkwürdige elektronische Geräusche produzierte - das wird wohl sein Geheimnis bleiben. Nötig war das alles nicht.
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