Grevenbroich Willi Steins hat heute Geburtstag. Der Gruppenleiter bei RWE Power wird 49 Jahre alt. Das will gefeiert werden. Doch die Fete muss verschoben werden, denn einen Urlaubstag kann der Bergmann an diesem Wochenende nicht einlegen.
„Da wird gearbeitet - und jeder Mann wird gebraucht“, meint er. Steins gehört zur Frühschicht, die morgen mit dem Anschnitt von Garzweiler II einen Meilenstein in der Geschichte des Energiekonzerns setzen wird. Geräteführer Willi Petry hat seinen 285 - ein 26 Jahre alter Riesenbagger der 110 00-Tonnen-Klasse - bereits in Richtung der rot-weißen Poller gelenkt. In Sichtweite von Otzenrath markieren sie die Grenze zum Anschlusstagebau: „Nur noch wenige Meter, dann ist es geschafft.“
Garzweiler II - umstritten und umkämpft. Nach 20-jähriger Planung wird das Projekt nun Realität. Auf einem Areal von 48 Quadratkilometern liegen rund 1,3 Milliarden Tonnen Braunkohle, die in den nächsten 40 Jahren abgebaggert werden. Zwischen 35 und 40 Millionen Tonnen will Tagebaudirektor Lutz Kunde mit seinem Team pro Jahr aus dem Erdreich befördern.
„Damit sichern wir rund 20 Prozent der Stromversorgung in Nordrhein-Westfalen“, erklärt Matthias Hartung, Vorstandsmitglied der RWE Power. Für ihn steht fest: Garzweiler II ist heute wichtiger denn je. „Denn die Entwicklung der Weltmarktpreise und die zunehmende Importabhängigkeit unterstreichen den Wert der heimischen Braunkohle. Sie ist in großer Menge vorhanden und kommt ohne Subventionen aus.“
Zwanzig Monate lang wurde der Übergang von Garzweiler I zu II vorbereitet. „Das war eine enorme Herausforderung“, erklärt Lutz Kunde. Denn der gewaltige Bandsammelpunkt, das Herzstück des Tagebaus, musste an seinem alten Standort ab- und etwa sieben Kilometer weiter nördlich wieder aufgebaut werden.
„Und das alles unter laufendem Betrieb“, wie Kunde betont. Unterhalb der Autobahn 44 entstand auf einem Gelände von knapp einem Quadratkilometer die neue Tagebau-Zentrale mit Straßen, Wegen, Plätzen, riesigen Kalksilos und die mit HighTech ausgerüstete Betriebsüberwachung. In Spitzenzeiten waren bis zu 400 Mitarbeiter gleichzeitig auf der Baustelle im Einsatz, damit der Umbau fristgerecht fertig werden konnte.
Der Übergang von dem einen zum anderen Tagebau wird morgen unspektakulär über die Bühne gehen: „Denn Garzweiler II ist kein neuer Tagebau. Er ist lediglich ein weiterer Abschnitt der Braunkohlegewinnung“, erklärte Matthias Hartung. Allerdings genieße Garzweiler II große Bedeutung für die Kraftwerke und insbesondere für das Investitionsprogramm von RWE Power: „Mit diesem neuen Abschnitt ist die Kohleversorgung der Kraftwerke im nördlichen Revier für die nächste Jahrzehnte gesichert“. Und damit auch die Versorgung für das zum Anfang diesen Jahres gestartete Projekt BoA 2/3 in Neurath.
„Ohne die Kohleversorgung aus Garzweiler II wäre eine solche Investitionsentscheidung mit einem Volumen von 2,2 Milliarden Euro mit ihren vielen positiven Folgen für Wirtschaft und Arbeitsplätze nicht möglich gewesen“, so Hartung.
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