Das Jahrhundert der Reformation war voller Erschütterungen. Im Rheinland verliefen sie glimpflicher als anderswo: Die Landsherren leiteten Kirchen-Reformen ein und nahmen der Reformation ihre Wucht, entschärften viele Konflikte. Dennoch waren die Zeiten hart und grausam.
Er war eigentlich nur ein braver Schulmeister, aber er lebte in einem harten Jahrhundert und starb einen fürchterlichen Tod: Adolf Clarenbach wurde 1529 in Köln als Ketzer verbrannt. Seine Henker hatten ihm, um seine Leiden zu verkürzen, ein Pulver-Säckchen um den Hals gehängt. Als die Flammen an ihm hochschlugen, explodierte es. Adolf Clarenbach wurde 34 Jahre alt. Sein Verbrechen: Er hatte am Niederrhein und im Westfälischen Bibelkreise geleitet und protestantisches Gedankengut gepflegt.
Das Anrührende an seinem Lebensweg ist, dass er ein harmloser Buch-Mensch gewesen ist, religiös inspiriert, charakterfest, ein idealer Familienvater und Ratsherr eigentlich. Studium in Münster, danach Lehrer in Wesel, Büderich, Osnabrück, Lennep.
Er muss geschätzt gewesen sein – zweimal entzog sich die Stadt Wesel dem Druck des klevischen Herzogs Johann, dessen Beamte auf den Schulmeister aufmerksam geworden waren. Nichts an ihm erinnert an den Fanatismus der Wiedertäufer, die als eine Art geistliche Jakobiner wenige Jahre nach dem Tode Clarenbachs in Münster ein Terrorregime errichten sollten. Seine Tapferkeit war still, sein Märtyrertod unspektakulär. Seine letzten Worte in den Flammen sollen „O Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ gewesen sein.
Clarenbachs Tod fällt in eine Zeit politischer Erschütterungen in den deutschen Landen. In den ersten zwei Jahrzehnten nach Martin Luthers Thesenanschlag im Jahr 1517 rüttelten religiöse Fragen an den Grundfesten der weltlichen Ordnung. Blutiger Höhepunkt in dieser Phase war der Bauernkrieg 1524/25. Luthers Ruf von der „Freiheit eines Christenmenschen“ (eine seiner zentralen reformatorischen Schriften) war der Funke, der die Unzufriedenheit der Bauern explodieren ließ. Hauptkriegsschauplatz war der Süden Deutschlands. Kein Zufall: Im Rheinland verliefen die Konflikte glimpflicher, auch die Auseinandersetzungen rund um die Reformation.
Vielleicht lag es am Rhein, dieser Verkehrsschlagader Europas. Der Fluss schuf ein Durchzugsgebiet für Waren, vor allem aber für Völker und Ideen, und so mag entlang des Rheins ein intellektuelles Klima geherrscht haben, in dem Fanatismus wenig Chancen hatte. Diese Offenheit hatte eine lange Tradition, die schon im Mittelalter begann.
Kloster Kamp etwa: Das 1122 gegründete Zisterzienserkloster war Teil der mittelalterlichen Reformbewegung und strahlte vom Niederrhein nach Nord- und Osteuropa aus – insgesamt umfasste die Klosterfamilie bald 90 Klöster bis in den baltischen Raum. Ein Mann der Reformen war auch Norbert von Xanten, geboren um 1080 in Gennep, Gründer der Prämonstratenser, befreundet mit dem Zisterzienser Bernhard von Clairvaux.
Eine Reformbewegung ebenfalls die Beginen, die über Flandern und die Niederlande am Niederrhein Fuß fassten. In Köln wurde der erste Beginenkonvent 1230 gegründet; rheinabwärts entstanden überall solche Gemeinschaften religiös insipirierter Frauen – Gemeinschaften, die übrigens von Rom und der Inquisition misstrauisch beobachtet wurden.
Im späten 14. Jahrhundert strahlte die „devotio moderna“ mit einer neuartigen, mystisch inspirierten geistlichen Innerlichkeit ins Rheinland aus. Berühmt ist Thomas von Kempen (gestorben 1471) mit seinem Werk „De imitatio Christi“.
Milde Grafen und Herzöge
Auch die weltliche Obrigkeit am Niederrhein war im Jahrhundert der Reformation modern. Die klevischen Grafen und Herzöge waren humanistisch beeinflusst. 1523 wurde Konrad Heresbach, ein Freund von Erasmus von Rotterdam, Prinzenerzieher auf der Klever Schwanenburg. Johann III., Herzog von Kleve-Jülich-Berg, hatte ihn berufen. Eine geschichtsmächtige Personalie: Die klevische Religionspolitik brachte fortan Reformen auf den Weg und brach so der Reformation die Spitze ab.
1532 erließ Johann III. eine Kirchenordnung, die behutsam evangelische Positionen übernahm, ohne den katholischen Formenkanon anzutasten. Auch sein Sohn, Wilhelm V. (regierte von 1539 bis 1592), führte diese „via media“, den mittleren Weg, fort. Wie sehr diese Linie mäßigend wirkte, zeigt vielleicht am eindrucksvollsten die Auseinandersetzung mit den Wiedertäufern.
In einem Bericht über die blutige Abrechnung mit den Wiedertäufern in Münster lobte Konrad Heresbach das milde Regiment seines klevischen Herrn. Herzog Johann habe „noch keinem das Leben genommen, weil er Wiedertäufer war, während in unsern Nachbarlanden ohne Ausnahme jeder, welcher der lutherischen oder irgend einer anderen Lehre anhängt, als Ketzer zur Schlachtbank geschleppt wird, jeder Sakramentsschänder und Wiedertäufer Lutheraner heißt und, wer eine Bibel liest oder nur besitzt, als Ketzer behandelt wird.“
Als der Herzog 1534 in Wesel gegen eine Gruppe Wiedertäufer vorging, da zog er nur die Rädelsführer zur Rechenschaft und ließ sie enthaupten. Es folgte aber keine blutige Säuberungsaktion unter den Sympathisanten. Aus diesem nach damaligem Maßstäben milden Vorgehen sprach der Geist von Heresbach. Er war der Überzeugung: Täufer, die sich nicht gegen die Obrigkeit auflehnten und Gesetze brachen, sondern gleichsam privat und still ihre Überzeugungen pflegten, sollten im gelehrten Streit – „mit dem Schwert des Wortes Gottes“ – überzeugt werden. Berühmt ist sein Satz, den er Erasmus schrieb: „Es gilt Irrtümer auszurotten, nicht Menschen.“
Auffällig ist, dass die rheinischen Landesherren in den 30er Jahren mit Reformen begannen. Neben den klevischen Herzögen ist Hermann von Wied als Erzbischof von Köln zu nennen. Er war zunächst ein entschiedener Gegner der Reformation, und unter seiner Herrschaft wurde der tapfere Schulmeister Adolf Clarenbach hingerichtet. Doch ab etwa 1530 leitete Hermann erst behutsam, dann immer entschlossener Reformen ein.
Man darf vermuten: Er tat es aus persönlicher Überzeugung ebenso wie aus politischer Klugheit – die „via media“ entschärfte eben viele Konflikte. 1536 rief er eine Reformsynode ein, 1542 beauftragte er den reformatorischen Theologen Martin Bucer, von Bonn aus Veränderungen einzuleiten.
Doch damit rief der Kölner die europäischen Großmächte auf den Plan: Köln, das mächtige Köln, drohte aus dem katholischen Lager zu driften und damit zusammen mit dem Kleve-Jülich-Berg einen territorialen Block zu bilden, der zumindest offen war für reformatorisches Gedankengut. Kaiser Karl V. fürchtete um seine Macht.
Liberaler Geist trotzte Waffengewalt
1543 überzog er erst Kleve-Jülich-Berg mit Krieg, zwang Herzog Wilhelm, Geldern an ihn abzutreten, und versuchte, ihn auf scharfen anti-reformatorischen Kurs zu bringen. Danach drohte er auch dem Kölner Herman von Wied mit Krieg. Der zog sich angesichts der Übermacht zurück und legte 1547 sein Amt nieder. Er starb 1552, und zwar, wie es heißt, nach einem Abendmahl nach lutherischem Ritus.
Dennoch war der liberale Geist entlang des Rheins nicht mit kaiserlicher Waffengewalt auszutreiben. Eine Karte von 1610 zeigt, dass das bis nach Kleve reichende Erzbistum Köln im wesentlichen katholisch war – doch es war ein durchlüfteter Katholizismus. Konfessionelle Auseinandersetzungen waren entscheidend abgemildert.
Und auch das, was heute augenzwinkernd als typisch rheinisch gewürdigt wird – die Fähigkeit, Konflikte mit Augenmaß auszutragen, menschliche Schwächen hinzunehmen und Fünfe auch vor der Ewigkeit mal gerade sein zu lassen – hat sein Wurzeln in jener Zeit.
Ein schönes Erbe.
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