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Lesung von Fritz Pleitgen in der Stadtbibliothek: Grenzen nicht gut für eine Region

zuletzt aktualisiert: 12.05.2004 - 21:30

"Das Land, in dem Menschen und Bücher lebten" war Galizien für Paul Celan, den Dichter aus der Bukowina, dem südlichen Teil jener Gegend, die einst in den literarischen Zirkeln Europas als Geheimtipp galt.

Quer durch das einstige Galizien sind WDR-Intendant Fritz Pleitgen und die Polen-Korrespondentin des ARD, Annette Dittert, gemeinsam gereist und dem kleinen Fluss Bug von der Quelle bis in die Nähe Warschaus gefolgt, wo er in die Narew mündet, einen Nebenfluss der Weichsel.

"Der Bug ist nur dreißig Meter breit, vergleichbar der Sieg. Und doch findet man hier konzentriert wie in einer Nussschale die ganze schwierige Geschichte Europas", resümierte Pleitgen in der Stadtbibliothek die Erfahrungen seiner Reise. Eine Fernsehdokumentation und ein Buch entstanden aus dieser Fahrt. Auszüge aus beiden stellte Pleitgen am Dienstag in Neuss vor, anders als angekündigt ohne Annette Dittert, die wegen aktueller politischer Ereignisse in Warschau unabkömmlich war.

Menschen, die zu Selbstversorgern wurden und buchstäblich vor dem Nichts stehen, seit die Kolchosen aufgelöst, die landwirtschaftlichen Maschinen verkauft wurden und die einstigen Chefs mit den Erlösen verschwanden, haben Pleitgen und Dittert schon an der Quelle des Bug angetroffen, in Werchobusch. Alte Gräben zwischen Anhängern der orthodoxen und der griechisch-katholischen Kirche, die es in dieser Form allein hier, in der heutigen Ukraine gibt, brachen mit dem Untergang des Kommunismus neu auf.

Präzise und kompakt, verständlich und packend erläutert Pleitgen die historischen Wurzeln dieses Konflikts, umreißt ebenso die Geschichte der Westukraine, die sich anders als die Ostukraine immer schon dem Westen zugehörig fühlte. 600 Jahre unter polnischer Herrschaft, davon 150 Jahre unter Habsburger Oberherrschaft prägten das Gesicht der Region bis zum Krieg. Ruthenen, Polen und Weißrussen, Deutsche, Österreicher und Ungarn fanden in Galizien eine Heimat, vor allem die angefeindeten und immer wieder von Pogromen bedrohten Juden prägten die blühende Kultur Galiziens und seiner Hauptstadt Lemberg.

Bis heute zeugt europäische Architektur von Lembergs prachtvollen Tagen, verfällt allerdings zunehmend: "Würde Lemberg diesseits der neuen Außengrenze der EU liegen, könnten EU-Gelder die Stadt schnell zu einem der schönsten Zentren Osteuropas machen", bedauerte Pleitgen und appellierte, zu überlegen, wie man der Stadt helfen könne. Prächtige Klöster aber auch Mahntafeln, die an die Vernichtungslager Sobibor und Treblinka erinnern, sind gleichermaßen auf dem 772 Kilometer langen Flüsschen zu entdecken, das einst Hitlers und Stalins Diktaturen voneinander trennte und von dem aus die Deutschen unter Hitler die Sowjetunion angriffen.

Seit dem ersten Mai ist der Bug nicht mehr nur die Grenze zwischen Polen und Weißrussland sowie der Ukraine, sondern die Ostgrenze der Europäischen Union ist: "Wir fanden diese Grenze denkbar porös vor, offen für die Schlepperbanden, die arme Menschen gegen viel Geld in den Westen bringen. Wegen des Schengener Abkommens zur Sicherung der EU-Außengrenzen werden hier bald wieder schwer überwindbare Grenzbefestigungen sein", gab Pleitgen zu bedenken.

Grenzen aber seien nie gut für eine Region. Gerade davon erzählen Pleitgens und Ditterts spannende Geschichten aus dem einst prächtigen, dann von Grenzen zwischen Diktaturen, Blöcken und nun Wirtschaftszonen zerschnittenen Galizien. KaTse

Quelle: NGZ

 
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