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Berliner Kabarettist Bodo Wartke zum ersten Mal in Neuss: "Ich schreibe aus Intuition"

zuletzt aktualisiert: 28.01.2003 - 21:19

Er ist das "Schwarze Schaf vom Niederrhein", besitzt die "St. Ingberter Pfanne", den "Magdeburger Kugelblitz" und den "Aroser Schneestern": An Auszeichnungen mangelt es dem noch recht jungen Kabarettisten und Entertainer Bodo Wartke gewiss nicht - und wer ihn einmal auf der Bühne erlebt hat, weiß auch, dass er diese völlig zu Recht bekommen hat. Mit Texten voller Wortwitz, bissigen Kommentaren und perfekter (Selbst-)Begleitung am Klavier begeistert der 25-Jährige sein Publikum. Bodo Wartke Foto: Veranstalter

Zum ersten Mal gastiert Wartke mit seinem "Klavierkabarett in Reimkultur" jetzt in Neuss. Anlässlich seines Auftritts bei einer Benefizveranstaltung des Lions-Club im Zeughaus sprach NGZ-Redakteurin Helga Bittner mit dem Künstler.

Sie sind mit so vielen Preisen ausgezeichnet worden. Was bedeuten Ihnen diese Ehrungen?

Wartke: Das ist von den Preisen abhängig. In der Regel steht man vor einer Jury und hat zehn oder 15 Minuten Zeit. Das ist für mich und viele Kollegen oft viel zu wenig. Einige sind so konsequent und nehmen gar nicht teil, wenn sie nicht ihre 90 Minuten zeigen können. Das Schönste an solchen Veranstaltungen ist für mich aber immer, die anderen Kollegen zu treffen und mich mit ihnen auszutauschen.

Aber sie sind schon ein guter Anschub für die Karriere...

Wartke: Auf jeden Fall. Der "Aroser Schneestern" zum Beispiel zieht vieles nach sich. Das ist ein wunderschönes Festival in der Schweiz, und viele Leute haben meinen Auftritt dort auch im Fernsehen gesehen. Meine Gastspiele dort sind jetzt immer voll.

Stichwort Fernsehen: Bei uns sieht man Sie selten.

Wartke: Lange Zeit wollte ich gar nicht im Fernsehen auftreten, weil ich festgestellt habe, dass sich meine Form schlecht im Fernsehen übertragen lässt. Es entsteht ja viel zwischen mir und meinem Publikum, das geht manchmal so weit, dass die Leute sich richtig mit mir unterhalten - wobei bei mir auch keiner Angst haben muss, dass ich ihn auf die Bühne hole und vielleicht bloß stelle. So habe ich gerade erst erlebt, dass die Zuschauer von sich aus Sätze und Reime ergänzt haben. Das war richtig interaktives Kabarett, total wundervoll. So etwas ist im Fernsehen einfach nicht möglich. Bei Studioaufnahmen ist das Publikum gecastet, sitzt im Hellen und ist umgeben von Kameratürmen, die einschüchtern. Das Publikum wird nicht besonders gut behandelt, ist im Grunde nur Klatschvieh. Da kann der Funke natürlich auch nicht überspringen. Außerdem wollen Kameramänner und Regisseur bei Klavierspielern immer gerne die Hände filmen, aber bei mir passiert das meiste im Gesicht. Man muss leider immer Kompromisse für das Fernsehen eingehen.

Sie haben sehr früh angefangen, standen schon mit 20 auf der Bühne und wurden schnell als sehr großes Talent gehandelt. Jetzt sind Sie 25, aber nicht unbedingt einem Massenpublikum bekannt. Haben Sie manchmal Angst, als "ewiges Talent" zu gelten?

Wartke: Nein, auch ich werde älter und stelle fest, dass die Menschen ganz anders auf mich reagieren. Vor fünf Jahren war es natürlich eine Sensation, nach dem Motto: Der ist ja erst 20... Inzwischen bin ich 25 und schreibe auch ganz andere Lieder.

Steigen auch Ihre eigenen Ansprüche?

Wartke: Klar, auf jeden Fall.

Und das Publikum reagiert auch anders?

Wartke: Ja. Mit 18 trat ich in meiner Schule auf, mit Liedern, die mir damals wichtig waren, die ich heute aber nicht mehr singen würde. Wenn ich mir die heute anhöre, denke ich nur: Oh Mann, wie peinlich. Aber damals war das meine Sprache, und das wussten auch die Leute, die da waren, die fanden das supercool.

Wo soll es für Sie hingehen?

Wartke: Mir ist vor allem das Übermitteln von Inhalten wichtig, auch gesellschaftskritischen Inhalten. Mich treiben Sachen um, für die ich eine Form auf der Bühne finden will, um sie zu benennen. Und dafür wähle ich das Gewand des charmanten, netten Schwiegersohns und der harmlosen, pittoresken Volksweise, zu der ich mich begleite, um darin aber ganz krasse Sachen zu sagen. Und ich habe festgestellt, dass das für mich am Besten funktioniert. Ich bin nicht moralisch und auch nicht altklug, aber ich will authentisch sein.

Gehört da auch das Outfit dazu? Der Anzug mit dem kanariengelben Hemd? Kabarettisten verkörpern ja gerne einen bestimmten Typus...

Wartke: Eigentlich steht da kein Konzept hinter. Ich trage gerne einen Anzug, weil ich den bequem und schick finde. Das gelbe Hemd hatte ich zufällig irgendwo hängen sehen und dachte einfach: Das passt gut. Aber es ist tatsächlich so, wie Sie sagen: Das gelbe Hemd ist der kleine subversive Bruch in dem gediegenen distinguierten Outfit.

Also war es eigentlich pure Intuition?

Wartke: Ja, und so geht es mir auch bei den meisten meiner Lieder: Ich schreibe aus Intuition, habe das Gefühl "so ist es richtig", ohne sagen zu können, warum. Im Laufe der Zeit komme ich dann darauf, dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich weiß: Genau das ist der Punkt.

Was zeigen Sie im Zeughaus?

Wartke: Mein aktuelles Programm heißt "Ich denke, also sing ich" und besteht vor allem aus witzigen und wortverspielten Liedern.

Im September kommen Sie mit einem neuen Programm heraus. Was unterscheidet es vom jetzigen, und warum muss man überhaupt ein neues Programm herausbringen, wenn man doch das bestehende über die Jahre permanent verändert?

Wartke: Ich wollte keinen fließenden Übergang mehr, sondern einen etwas härteren Bruch. In meinem neuen Programm werden eher ernstere Lieder zum Zuge kommen, und zu 90 Prozent auch Lieder, die ich jetzt gar nicht singe. Das liegt einfach daran, dass mir ernstere Dinge wichtiger werden, und ich vor allem dafür auch eine Sprache gefunden habe.

Zeughaus, Am Markt, Freitag, 31. Januar, 20 Uhr. Der Erlös des Abends kommt der "Initiative Schmetterlinge" zur Betreuung schwerkranker Kinder und ihrer Familien zu Gute.

Quelle: NGZ


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