Im Süden des Düsseldorfer Stadtteils Gerresheim steht ein kleiner Bahnhof: Zwei Bahnsteige, ein unscheinbares, ungepflegtes Gebäude. Eine Bürgerinitiative will es retten. Denn dieser Bau an der Strecke nach Wuppertal ist der älteste Bahnhof Westdeutschlands, vielleicht sogar ganz Deutschlands.
1838, drei Jahre nachdem zwischen Nürnberg und Fürth (wo kein Bahnhof erhalten ist) der erste deutsche Zug die Menschen erstaunt hatte, fuhr die erste westdeutsche Eisenbahn. Zunächst nur von Düsseldorf nach Erkrath, bald aber schon nach Elberfeld.
Ein anderes Zeugnis der Industrialisierung des Rheinlands steht, hervorragend restauriert, ebenfalls in der Umgebung von Düsseldorf: Cromford, am nördlichen Stadtrand von Ratingen, ist die älteste Fabrik auf dem europäischen Kontinent: 1783 errichtet von dem Textilkaufmann Johann Gottfried Brügelmann, einem Ahnherren der Industrie-Spionage. Er ließ eine Maschine des Engländers Richard Arkwright kopieren, die Baumwolle zu festem Garn spann. Daraus wurden leichte, trotzdem stabile Tuche gewoben. Brügelmann nannte seine Fabrik Cromford, weil so Arkwrights Fabrik bei Nottingham hieß.
Cromford bei Ratingen zeigt an Maschinen-Nachbauten, wie eine Fabrik funktioniert: Maschinen, nicht Menschen, bestimmen Tempo und Organisation der Produktion. In Ratingen steht diese Fabrik, weil sie in Elberfeld, Brügelmanns Heimat, nicht gebaut werden durfte. Dort fürchtete die „Garnnahrung“, ein seit 1527 durch herzoglich-bergisches Privileg geschützter Verband von Webern und Kaufleuten im Tal der Wupper, die Mechanisierung des Spinnens. Das war ein häuslicher Nebenerwerb von Frauen und Mädchen.
Trotz Brügelmann dauerte es noch Jahrzehnte, bis das Textilgewerbe sich vom Handwerk zur Industrie wandelte. Dennoch ist es eine Industrie-Mutter. Spinnmaschinen und Webstühle mussten repariert oder neu gebaut werden. So entstand der Maschinenbau – bis heute an alten Textil-Standorten wie Krefeld oder Mönchengladbach etabliert.
Auch die chemische Industrie ist ein Ableger der Textil-Produktion: Verdünnte Schwefelsäure veredelte Fasern, mit Soda wurde gebleicht, gefärbt und Stoff bedruckt. Im heutigen Wuppertal, wo seit Jahrhunderten Garn gebleicht und später auch Seide verarbeitet wurde, entstand eine der ersten Chemie-Fabriken.
Am Niederrhein ließ Napoleon das Textilgewerbe wachsen. Weil das linke Rheinufer französisches Staatsgebiet war und der Rhein die Zollgrenze zum Großherzogtum Berg, gründeten bergische Textilunternehmer in Mönchengladbach und in Rheydt Niederlassungen. Sie umgingen die Zollgrenzen und lieferten nach Frankreich. Aachen war berühmt für sein Kammgarn, Krefeld für seine Seide.
1813 gründete der 1795 in Moers geborene Friedrich Diergardt (zunächst mit einem Partner) eine Samt- und Seidenfabrik, die er 1816 nach Viersen verlegte. 30 Jahre später beschäftigte er in gut 40 rheinischen Orten mehr als 3000 Hausweber und andere Textilarbeiter.
Diergardt, 1860 vom preußischen König zum Freiherrn geadelt, investierte nicht nur in Textil, sondern auch in die beiden anderen Wachstums-Treibsätze der frühen Industrie: den Kohle-Bergbau und die Eisenbahn. Beide hatten durch die Dampfmaschine mächtig Schwung bekommen. Die Erfindung des James Watt war zuerst zum Entwässern und Belüften von Kohlegruben eingesetzt worden. Je mehr Kohle gefördert wurde, desto mehr Eisen konnte verhüttet werden. Das Zeitalter von Kohle und Stahl, wurde erst durch die Dampfmaschine möglich. Auch hier wies England den Weg. Aber Deutschland lernte – und es lernte gern.
Es lernte vor allem durch die Eisenbahn – die mobil gewordene Dampfmaschine mit Anhang. Sie machte die Menschen viel mobiler als bisher und den Transport von Gütern billig. Sie stellte immer neue Anforderungen an die Produzenten von Stahl und die Erbauer von Maschinen. Sie verband das preußische Kerngebiet um Berlin mit den 1815 neu erworbenen Provinzen an Rhein und Ruhr. Sie bewegte riesige Menschenmassen in der bis dahin größten Binnenwanderung der deutschen Geschichte. Und als Preußen Deutschland einigte, bewegte sie die Truppen.
Das hatte eine lange Vorgeschichte. Jahrhunderte lang waren kleine Mengen Eisen im Bergischen Land, an der Sieg, in der Eifel abgebaut und zu Kriegsgerät sowie Scheren und Messer (in Solingen seit 1225 nachgewiesen) verarbeitet worden. Steinkohle wurde noch um 1800 an der Ruhr - anders als im weiter entwickelten Aachener Revier – nur in kleinen Schächten für den lokalen Bedarf gefördert.
Aber das änderte sich. Vor allem, als klar wurde, wie groß die Kohleflöze an Ruhr und Emscher waren. Je größer die Nachfrage nach Stahl wurde, desto mehr lohnte es sich, Eisenerz zur Kohle zu bringen. 1818 hatte Friedrich Harkort, der von einem Bauernhof mit Hammerwerk stammte, auf der Burg Wetter eine Maschinenbau-Anstalt eröffnet – daraus wurde die Demag. 1819 hatte Franz Haniel (seine Nachkommen sind Mit-Eigentümer des Handelskonzerns Metro) in Sterkrade den Bau von Dampfmaschinen aufgenommen.
Später machte er den ersten Tiefbauschacht an der Ruhr möglich und gründete eine Reederei. Die größte Dynastie der späteren Ruhrbarone hatte noch früher angefangen: 1811, als Friedrich Krupp in Essen (1803 gerade 3480 Einwohner) einen Eisenschmelzofen aufgestellt hatte, der Gussstahl in englischer Qualität herstellte. Krupps Sohn Alfred machte aus dem Kleinstbetrieb einen Konzern mit Weltruf, die Villa Hügel über der Ruhr konserviert dessen Ruhm.
Bahnnetz wurde immer dichter
Krupp wurde groß als Zulieferer für die Eisenbahn, nicht mit Geschützen. Ab 1850 gab es ein – oft von Kölner Bankiers finanziertes - Bahnnetz in Deutschland, das immer dichter wurde. 1850 wurde der erste Hochofen im Ruhrgebiet errichtet, das nun durch Bergbau und Eisenverarbeitung geprägt wurde. Es entstanden hunderttausende neue Arbeitsplätze, die das Problem der Überbevölkerung, milderten. Dörfer wurden Großstädte.
Neue Investoren kamen. Der Ire William Thomas Mulvany importierte englisches Bergbau-Wissen, gründete Zechen, erwarb Erzbergwerke, Eisenhütten und verwaltete das Konglomerat von Düsseldorf aus. Zu Krupp in Essen gesellten sich Thyssen in Duisburg, Stinnes in Mühlheim und Grillo in Gelsenkirchen. Die Poensgen zogen von der Eifel nach Düsseldorf, das durch sie und Mannesmann zur Stahlstadt wurde und Verwaltungsstandort blieb.
Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gründete die Eisen- und Stahlindustrie auf Erfahrungswissen.. Mehr und mehr aber wurden Entwicklungen systematisiert. Antreiber der Verwissenschaftlichung war Christian Wilhelm Beuth, ein Rheinländer, der von 1815 bis 1848 die Abteilung für Handel, Gewerbe und Bauwesen im preußischen Finanzministerium leitete.
In Berlin begründete Werner von Siemens die deutsche Elektro-Industrie. In Köln entwickelte der Kaufmannsgehilfe Nikolaus August Otto einen Gasmotor für Betriebe, denen eine Dampfmaschine zu teuer war. 1876 konstruierte er mit Eugen Langen, Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach den ersten Viertaktmotor, das Triebwerk der Auto-Industrie.
Die systematische Auswertung naturwissenschaftlicher Erkenntnis förderte die chemische Industrie, deren Wegbereiter Justus von Liebig war. Weil Stahl ein Massenprodukt geworden war, wurde der aus Kohle gewonnene Koks in riesigen Mengen benötigt. Ein Nebenprodukt war Steinkohlenteer. Daraus ließen sich künstliche anstelle tierischer oder pflanzlicher Farben herstellen. Pionier war August Wilhelm Hoffmann, ein Schüler Liebigs. 1850 gründete Friedrich Bayer in Elberfeld eine Farbenfabrik – Kern der Bayer AG.
Neue Berufer, höherer Lebensstandard
1871 gab es in Deutschland vier Großstädte, 1910 dagegen 48. Die rheinisch-westfälische Städtelandschaft wuchs. Berlin mit Vororten zählte um 1890 zwei Millionen Einwohner. Da lebten im Viereck zwischen Düsseldorf und Duisburg im Westen und Recklinghausen und Schwelm im Osten schon mehr Menschen. Die Industrie zog Menschen an, die Menschen neue Industrien.
1864 gründete der 25-jährige Bremer Kaufmannssohn Ferdinand Heye in Gerresheim eine Glasfabrik, die vor dem ersten Weltkrieg die größte der Welt wurde. Aus Aachen kam 1878 der 30-jährige Fritz Henkel, der zwei Jahre zuvor eine Waschmittel-Fabrik gegründet hatte und am Rhein bessere Transport-Möglichkeiten vorfand.
Es entstand eine neue Gesellschaft mit immer neuen Berufen. Die Lebenserwartung des einzelnen und auch der Lebensstandard stiegen. Es gab aber auch neue Abhängigkeiten. Denen hatten zwei andere Rheinländer, Karl Marx aus Trier und Friedrich Engels aus Elberfeld, nach Beobachtungen aus England gewissermaßen vorab eine politische Theorie gewidmet. Die entfaltete im 20. Jahrhundert eine ungeheure politische Wirkungsmacht.
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