Neuss Der Frühling hatte eine Pause eingelegt, um den Eisheiligen Platz zu machen, die mit ein paar Tagen Verspätung nach Neuss gekommen waren. Sie hatten graue Wolken mitgebracht und Wind, der die am Rathaus gehissten Fahnen immer wieder gegen die Fenster schlagen ließ.
Die düstere Stimmung mochte ein Grund dafür gewesen sein, dass Trompeter Herbert Joos beim „Jazz im Alten Ratssaal“ mitten im Konzert spontan das Programm umwarf. Er überredete seinen Duopartner, den Pianisten Patrick Bebelaar, mit ihm die Suite „The Beauty Of Darkness“ zu spielen, ein Werk von melancholischer Tiefe und dunkler Schönheit.
Die Komposition im Grenzbereich zwischen Jazz und Neuer Musik ist ein groß angelegter Roman in vier Teilen. Die Antagonismen von Hell und Dunkel, Licht und Schatten, Klang und Stille, Schönheit und Hässlichkeit, auf die sich Joos in den Liner Notes zur CD bezieht, haben ihre Parallelen in der Musik. Zwei Stimmen umspielen einander, suchen einander und finden sich im Unisono. Arrangierte und improvisierte Passagen wechseln einander ab und lassen viel Luft zum Atmen, Freiräume zwischen Musik und Geräusch, in denen Joos und Bebelaar die Klangmöglichkeiten ihrer Instrumente ausloten.
Der Reiz der Konzertsituation lag darin, dass man all das nicht nur erlauschen, sondern auch beobachten konnte. Herbert Joos’ Trompete mit Harmon-Dämpfer klang, ähnlich wie sein Flügelhorn, luftig, neblig und verhalten verhallend.
Mit dem Plunger-Dämpfer dagegen erzielte er Wah-Wah-Effekte. Veränderungen des Ansatzes, unvollständig gedrückte Ventile, Growls und Kiekser sorgten für weitere Schattierungen. Auch Pianist Bebelaar variierte die Klangfarben. Er griff ins Innere des Flügels, zupfte zarte Reflexe oder dämpfte die Saiten mit der linken Hand ab, während er mit der rechten ein Solo spielte.
Als Grundidee des Werks erschien die Metamorphose. Zarte Klangtupfer verdichteten sich zu Flächen, die dann wie von einem Herbststurm aufgewühlt wurden. Die Blicke der Zuhörer konnten kaum der grandiosen Raserei der Finger auf den Tasten des Flügels folgen, die ein Grummeln und Grollen hervorbrachten, unter dessen Schwere der Klavierhocker zu ächzen begann. Doch selbst diese Ballungen klarten nach den Ausbrüchen auf und wandelten sich in ein rollendes Ostinato, das sich wiederum fallen ließ in einen swingenden Groove.
Eingerahmt wurde dieses Opus durch Bebelaars Komposition „Duscha Moja“ (Meine Seele) sowie seine Tanzrhythmen und folkloristische Motive zum Ausgangspunkt nehmenden Stücke „Walzer“ und „Tango“, jedes für sich eine Welt im Kleinen mit Hell und Dunkel sowie Licht und Schatten. Als Zugabe gab es - dem Wetter entsprechend - natürlich „Autumn Leaves“ (Herbst-Blätter).
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