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NGZ-Gespräch mit Dr. Frank Überall: Klüngel - „Mer dunn et jo nur för Kölle“

VON SIMON HOPF - zuletzt aktualisiert: 26.05.2008 - 12:49

NGZ-Gespräch Was sich mit guten Beziehungen alles erreichen, verhindern und steuern lässt: Der Politikwissenschaftler und Journalist Dr. Frank Überall hat den politischen Kreisen der Domstadt auf den Zahn gefühlt.

Dr. Frank Überall warnt davor, Klüngel mit Korruption gleichzusetzen. Ohne „positiven Klüngel“, sagt er, wäre Demokratie kaum machbar.  Foto: NGZ
Dr. Frank Überall warnt davor, Klüngel mit Korruption gleichzusetzen. Ohne „positiven Klüngel“, sagt er, wäre Demokratie kaum machbar. Foto: NGZ

Köln In der Literatur wurde der Kölsche Klüngel bislang entweder verteufelt oder glorifiziert. Der Kölner Frank Überall hat sich in seiner Doktorarbeit dem Thema nun analytisch genähert. In diesem Jahr erschien sein Buch „Der Klüngel in der politischen Kultur Kölns“.

Herr Überall, liegt einem Rheinländer das Klüngeln im Blut?

Dr. Frank Überall Ja, absolut. Von der Tradition her haben wir gerade hier in Köln, aber auch im gesamten Rheinland eine positive Haltung zum Klüngel. Darin liegt auch das Kommunikationsdefizit „mit denen da draußen“ begründet: Wir sind wirklich stolz aufs Klüngeln. Auch ich gestehe freimütig: „Ja, ich klüngle.“ Aber schon in Düsseldorf werde ich komisch angeschaut, wenn ich das erzähle. In anderen Landstrichen erntet man noch weniger Verständnis. Diese positive Seite des Klüngels wurde bei anderen überschattet durch die negativen Seiten der Korruption, deshalb verstehen sie uns nicht.

Info

Zur  Person

Name: Dr. Frank Überall
Geboren: 15. April 1971 in Leverkusen
Beruf: Journalist, Politikwissenschaftler
Wohnort: Köln-Innenstadt
Familie: geschieden, zwei Kinder (acht und zehn Jahre alt)

Wann haben Sie denn das letzte Mal geklüngelt?

Überall Man klüngelt eigentlich jeden Tag - und das mehrfach. Ich merke mir das gar nicht mehr …

Warum hat es gerade der „Kölner Klüngel“ zu Berühmtheit gebracht?

Überall Weil wir einen Begriff dafür haben, der so mit anderen Begriffen nicht zu messen ist. Woanders wird zwar immer wieder versucht, vom Klüngel zu sprechen, indem man ihn mit Vetternwirtschaft und Filz gleichsetzt - aber das trifft es nicht, weil dabei die positive Komponente des Klüngels fehlt.

Köln-Panorama mit Groß St. Martin (links) und Dom. Foto: NGZ

Und wie sieht diese Komponente aus?

Überall Ein Beispiel: Ein Familienvater lernt irgendwo einen Unternehmer kennen und kommt mit dem ins Gespräch und besorgt bei diesem Unternehmer für die Fußballmannschaft einen gesponserten Satz Trikots mit Werbung drauf. Da haben dann alle was von: Der Unternehmer, weil die Jungs auf dem Spielfeld für seine Firma werben. Der Familienvater, weil sein soziales Prestige steigt. Und die Mannschaft, weil sie neue Trikots hat.

Das klingt zu schön, um wahr zu sein.

Überall Meiner Meinung nach hat das Soziologenehepaar Erwin und Ute Scheuch, das sich vor 15 Jahren in Buchform mit dem Klüngel auseinander gesetzt hat, den Fehler gemacht, vorauszusetzen, dass immer eine Dankesschuld angehäuft wird. Das glaube ich nicht. Es ist manchmal wirklich Altruismus - diese „Drink-doch-ene-mit“-Mentalität. Auf der einen Seite heißt das nicht, dass ich unbedingt auch ein Kölsch ausgeben muss, wenn ich zu einem Kölsch eingeladen werde. Auf der anderen Seite bedeutet das aber ebenso wenig, dass ich morgen wieder da stehen darf, und übermorgen und überübermorgen und wochenlang mein Kölsch umsonst habe. Im positiven Klüngel steckt eine sehr große Unverbindlichkeit.

Das Rathaus der Stadt Köln ist eine Klüngel-Hochburg: Dort läuft nach Überzeugung Frank Überall nichts ohne gut geölte Beziehungen. Foto: NGZ

Kirche, Kölsch, Karneval und Klüngel: Warum passt das so gut zusammen?

Überall Weil es zugleich Organisations- und gesellschaftliche Lebensformen sind. Klüngel ist eine Wohlfühlattitüde: Mit jemandem, den ich nicht mag, werde ich nicht klüngeln.

Ist klüngeln also gut katholisch?

Überall Weil Köln überwiegend immer noch sehr katholisch ist, hat dieses Augenzwinkernde durchaus auch eine katholische Seite, natürlich. Ich glaube, in keiner anderen Stadt wäre ein Kardinal Frings denkbar gewesen, der tatsächlich das Stehlen erlaubt hat, das „Fringsen“, in der Nachkriegszeit, als keiner etwas hatte. Es ist die schon immer weitverbreitete Schlitzohrigkeit der Kölner, mit Obrigkeit umzugehen. Ich nenne das kölsch-katholisch.

Und jetzt kommen Sie mit Ihrem Buch und unterscheiden zwischen „gutem“ und „bösem“ Klüngel. Weshalb diese Differenzierung?

Überall Ich habe mir in den überregionalen Medien für das Jahr 2005 mal angeguckt, wie oft und in welchem Zusammenhang das Wort „Klüngel“ verwendet wurde: Das war durchgängig negativ - und oft noch nicht mal im Zusammenhang mit Köln. Ich glaube, es war notwendig, an dieser Stelle mal eine Erklärung zu liefern. Als Politikwissenschaftler und Journalist hatte ich immer ein Problem damit, dass Klüngel nur negativ gesehen wird. Als mein Professor Hans-Georg Wehling aus Tübingen auf mich zukam und fragte, ob ich nicht Lust dazu hätte, eine Arbeit über den Klüngel zu schreiben, war ich zurückhaltend. Denn der bisherige wissenschaftliche Klüngelbegriff, der den Klüngel mit Korruption gleichgesetzt hat, basiert auf einem tiefen kommunikativen Missverständnis. Klüngel macht mehr aus, und ich bin davon überzeugt, dass man aus den positiven Seiten des Klüngels, die in ähnlicher Form auf allen politischen Ebenen stattfinden, auch verdammt viel lernen kann.

Nun ist klüngeln ja nicht zuletzt das Wissen um Wege, etwas in Bewegung zu setzen oder auch zu unterbinden. Welche Rolle spielt in diesem Netzwerk der Kölner Oberbürgermeister?

Überall Fritz Schramma hat von seiner Position her formal alle Macht dieser Stadt. Er ist direkt vom Volk gewählt, er könnte nach süddeutschem Vorbild eine Filzbremse sein, um den negativen Klüngel zu unterbinden. Das Problem ist nur, dass er diese Macht kaum anwendet. Er ist gleichzeitig Verwaltungschef und Repräsentant. Viele werfen ihm vor, dass er die Repräsentation in den Mittelpunkt stellt, und sich zu wenig um die Verwaltung kümmert.

Was ist mit dem Stadtrat?

Überall Der Kölner Stadtrat ist seit jeher ein Klüngel-Biotop. Und das zunächst ganz überwiegend in positiver Hinsicht. Die rheinische Offen- und Gelassenheit trägt hier zu einem weit gehend entspannten und konstruktiven Politikstil bei. Ermittlungsverfahren der vergangenen Jahre haben uns aber auch gezeigt, wie schnell das in die Korruption abrutschen kann. Aus meiner Sicht haben sich die Politiker viel zu wenig um die Bewältigung dieser Vergangenheit bemüht: Was lernen wir aus den Skandalen?

Wer hält in Köln die eigentliche Macht in Händen?

Überall Das hängt vom Thema ab. Man kann nicht sagen, dass es in Köln die Machtfaktoren gibt, die immer auf den Plan treten. Es gibt einen Kulturklüngel, einen Wirtschaftsklüngel, einen Arbeitnehmerklüngel, die in verschiedenen Bereichen verschieden mächtig sind, sich aber teils überhaupt nicht füreinander interessieren - was schade ist. Weil der positive Klüngel dazu beitragen könnte, dass man mehr miteinander spricht. Dazu möchte ich einladen und veranstalte deshalb sehr viele Lesungen und Diskussionsrunden in allen Kölner Stadtteilen - von der Wirtschaftsvereinigung der CDU bis zum Kreisverband der Linken. Ich bemerke wieder eine größere Offenheit, miteinander zu sprechen, also auch mit dem politischen Gegner. Das halte ich für wichtig, gerade um die Rechtsextremen aus dem politischen Geschäft in Köln rauszuhalten.

Beflügelt der Klüngel den Erfolg der Stadt und des Rheinlandes?

Überall Jein. Wir haben auf der einen Seite den Erfolg dadurch, dass es eine „Kölnfraktion“ im Landtag gibt, Abgeordnete aus verschiedenen Parteien, die sich untereinander immer wieder absprechen. Die aber auch aufpassen müssen, dass sie nicht zuviel darüber reden, was sie für Köln und das Rheinland bewirken, weil das von den Abgeordneten aus dem Ruhrgebiet, die zahlenmäßig größer sind, nicht gerne gesehen wird. Andererseits blickt man neidisch auf Köln, weil vieles schnell realisiert werden kann. Wo man gemeinsam am Tisch sitzt und entscheidet. Das aber beinhaltet die Gefahr, dass der positive Klüngel als Schutzbehauptung herhalten muss, die oft missbraucht wird. Auf den Rathausfluren hört man dann: „Mer dunn et jo nur för Kölle.“

Der Kölner Klüngel hat etwas Anrüchiges: Die Fälle von Korruption und Skandalen reißen einfach nicht ab. Woran liegt es, dass trotz aller Öffentlichkeit, Verfahren und Strafen munter weiter gemauschelt wird?

Überall Der negative Klüngel ist durch die Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Köln erst in jüngerer Zeit intensiv verfolgt worden. Das Problem ist, dass wir in der Stadtverwaltung und in der Politik Verhaltensweisen eingeübt haben, die nicht von heute auf morgen zu brechen sind. In diesem Dezember ist es exakt zehn Jahre her, dass die erste Korruptionsrazzia stattfand. Davor gab’s das Wort „Korruption“ in Köln fast gar nicht. Bis dato hatte sich die Staatsanwaltschaft um diese „Klüngeleien“ nicht gekümmert, anonymen Anzeigen wurde nicht nachgegangen. Um noch ein Beispiel zu nennen: Es hat in Köln eine Sozialisation des negativen Klüngels gegeben, zum Beispiel im Bauamt über so genannte Frühstückskartelle, bei denen sich Bauamtsmitarbeiter und Unternehmer abgesprochen haben, wer welche Angebote abgibt. Das Ergebnis waren Scheinausschreibungen, bei denen im Vorhinein schon klar war, wer welchen Auftrag bekommt und welche illegalen Gewinne er damit machen darf.

Ist dieser Klüngel in der politischen Kultur Kölns ein Phänomen der Nachkriegszeit?

Überall Den gab es eigentlich immer. Konrad Adenauer beispielsweise hat als Kölner Oberbürgermeister klüngelnderweise vieles gelernt, was er dann auf Bundesebene entsprechend anwenden konnte.

Welche Eigenschaft muss man besitzen, um klüngeln zu können?

Überall Man muss sehr kommunikativ sein, man muss offen für andere Meinungen und für Fremde sein und eine prinzipielle Neigung zum Tausch in sich haben. Es gilt, seinem Gegenüber zu signalisieren, dass man ihn als Mensch wahrnimmt, seine Interessen spürt.

Warum funktioniert das in anderen Städten nicht so wie in Köln?

Überall Das hat etwas mit der rheinischen Gelassenheit gegenüber Fremden zu tun. Dass der Westfale so locker klüngeln würde wie die Kölner, das glaube ich nicht.

Wie sieht’s denn mit dem Düsseldorfer aus?

Überall Och, der Düsseldorfer kann das eigentlich auch - wenn er will. Ob er das aber immer so altruistisch macht, wie die Kölner im positiven Klüngel, wage ich manchmal zu bezweifeln.

Weshalb?

Überall Weil ich den Eindruck habe, dass es in Düsseldorf mehr ums Geschäftemachen geht und die Kommunikationskultur sehr viel zielgerichteter ist.

Die politischen Eliten der Domstadt dürften über Ihre Studie wenig erfreut gewesen sein. Gab’s Anfeindungen?

Überall In Köln macht man das in der Regel so, dass man einen nicht angreift, sondern totschweigt. Das haben einzelne Personen zwar versucht, aber es hat nicht funktioniert. Das Buch ist von allen Kölner Medien zur Kenntnis genommen worden, glücklicherweise auch recht positiv. In der Politik freuen sich einige natürlich nicht, dass es dieses Werk gibt. Aber auch mit ihnen ins Gespräch zu kommen, würde ich mir wünschen. Bisher hatte ich noch keine Veranstaltung, in der ich ausgepfiffen wurde.

Welche Folgen könnte Ihr Buch für Köln haben?

Überall Weil ich immer dafür plädiere, ohne Schaum vor dem Mund über Korruption zu sprechen, denke ich, dass dies in Zukunft häufiger getan wird. Ich habe das erste Mal einen Ansatz geliefert, der Handlungen, über die man diskutieren muss, nicht automatisch in eine Korruptionsecke stellt. Auf den Einzelfall kommt es an: Wo ist die Ebene der Kooperation und welches Netzwerk steht möglicherweise dahinter? Das ist alles zunächst einmal völlig legitim. Aber was legitim ist, braucht wiederum die Transparenz nicht zu scheuen. Wir haben endlich ein Mittel dafür gefunden, warum wir diese Fragen stellen dürfen. Und sich diese Fragen gefallen zu lassen, ist für Menschen, die zum Teil immer nur miteinander geklüngelt haben, ein großer Schritt.

Sie sparen den gesellschaftlichen Klüngel der Stadt weitgehend aus. Wollten Sie sich die Finger nicht noch mehr verbrennen, oder was könnte Sie reizen, auch das Beziehungsgeflecht des Bürgertums zu hinterfragen?

Überall Erstens ist das anstrengend, zweitens habe ich eine politikwissenschaftliche Arbeit geschrieben, und das hätte den Rahmen dann doch gesprengt. Insofern gerät man irgendwann auch an seine Grenzen. Mein Traum wäre ein interdisziplinäres Forschungsprojekt mit Wirtschaftswissenschaftlern, mit Juristen, Soziologen und Psychologen, um zu veranschaulichen, wie diese Netzwerke aussehen: Wo wirtschaftliche, kulturelle, gesellschaftliche und politische Funktionen durch Verwandtschaftsverhältnisse und ähnliches zusammengefasst werden. Aber man kann sich daran die Finger verbrennen und muss sehr aufpassen, dass man nicht in den justiziablen Bereich kommt, indem man Verbindungen unterstellt, die so gar nicht gelebt werden.

Sie vertreten die These, dass positiver Klüngel der Demokratie nützlich ist.

Überall Das ist richtig. Es entspricht dem Idealbild der Demokratie, dass möglichst viele Meinungen zur Kenntnis genommen werden. Daraus folgt ein Bündel von Interessen, das sich als mehrheitsfähig erweist. Um dahin zu kommen, gibt’s zwei Wege: Entweder die breite Öffentlichkeit einzubeziehen, oder aber unter Ausschluss des Publikums zu handeln. Was das bedeutet, können wir in manchen bundesdeutschen Ministerien beobachten: Da sitzen Industrielobbyisten, die für uns Interessenbündel schnüren, die dann politisch durchgewinkt werden. Wenn wir das nicht wollen, müssen wir uns einmischen - nicht zwangsläufig über Parteimitgliedschaften, sondern über situativen Klüngel, indem wir einfach mal mit einem Politiker sprechen. Wir sind das Volk!

Die Rheinländer haben’s vorgemacht: Kaum ein Tag, an dem in den Medien nicht von den Vorzügen des Netzwerkens die Rede ist. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen, das ja auch einen Gesinnungswandel widerspiegelt?

Überall Wir hatten eine Phase der Politik- und Politikerverdrossenheit, dann folgte die Null-Bock-Generation, dann die Spaß-Generation mit Politikern, die wie Guido Westerwelle in den Big-Brother-Container gekrabbelt sind, um Wahlkampf zu machen. All das war nicht besonders zielführend und hat der Politik nicht gut getan. Wir brauchen eine neue Ernsthaftigkeit und kommen langsam an den Punkt, wo wir gesellschaftlich und politisch nicht viel erreichen können, wenn wir uns nur gering schätzen. Das sehe ich als große Chance. Parallel dazu gehen traditionelle Bande wie Familie, Kirchen, Parteien und Gewerkschaften immer mehr verloren, die Integrationskraft schwindet, und an diese Stelle muss irgendetwas treten.

Info Das Buch von Frank Überall ist bei Bouvier erschienen und kostet 19,90 Euro.


 
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