Hermannjosef Roosen, Leiter von 14 Chören und Funktionsträger in Verbänden, setzt sich für neue Strukturen der Sängergemeinschaften ein.
„Mein Chor im Jahre 2020“ ist das Konzept betitelt, das der in Krefeld lebende Musiker und Chorleiter Hermannjosef Roosen entwickelt hat, um Nachwuchs zu gewinnen. Viele Sängergemeinschaften kämpfen mit einem zu hohen Altersdurchschnitt, haben Probleme, jüngere Menschen für die Chorarbeit zu begeistern. Für Roosen ist das vor allem eine Frage der Ansprache; „innovative Vokalensembles“, wie er die Chöre nennt, müssten ihren Markt analysieren, neue Strukturen erarbeiten, sich ein Leitbild geben und den eigenen Namen zu einer Marke machen. Nach diesem Konzept hat Roosen mittlerweile 14 Ensembles neu aufgestellt - jüngst in Grevenbroich, wo er dem Quartettverein „Rheingold“ ein neues Bild gegeben hat.
Herr Roosen, wie ist das Konzept entstanden?
Hermannjosef Roosen Grundlage dafür ist die Vision „Cantare 2020“. Das ist ein Leitbild, das ich für meinen Chor in Repelen entwickelt habe. Ausgangspunkt war dabei eine ganz einfache Beobachtung. Cantare hat 2007 eine „Musicalshow“ aufgeführt, bei der so viele junge Menschen waren, dass die Aufführung total überlaufen war. Das hat uns zum Nachdenken gebracht; wir haben überlegt, wie wir Jüngere für uns gewinnen können und fanden dabei heraus, dass wir mit der alten Chorstruktur ihren Wünschen kaum entsprechen. Daraus entstand wiederum die Idee, literaturgebundene Gruppen anzubieten. So wurde der „Liedergarten mit Toni“, eine Konzeption des Chorverbandes NRW, für die ganz Kleinen mit ihren Müttern gegründet, Cantare Kiddies für etwas größere Kinder, Men Voices für die Männer, Da capo für jene, die deutsches Liedgut singen wollen, oder Young Voices für das pubertierende Kampfgeschwader.
Hermannjosef Roosen hat Kirchenmusik studiert und diverse Meisterkurse und Fortbildungen etwa bei den Professoren Gabor Nasti, Budapest (Dirigieren), Arthur Wills, London (Chorleitung und Dirigieren) und Adolf Rüdiger, München (Stimmbildung) gemacht. Zudem hat er an Seminaren zur Kommunalen Verwaltungsausbildung mit Schwerpunkt PR & Marketing teilgenommen. Der in Krefeld lebende Musiker hat mit seinen Chören in nationalen und internationalen Wettbewerben diverse Erfolge errungen und verschiedene CDs aufgenommen.
Zu Roosens Aktivitäten gehören unter anderem: Gastdirigent repräsentativer Chor- und Orchesterwerke - ständig beim „European-Choir-Festival” in Birmigham -, Wertungsrichter bei nationalen und internationalen Chorwettbewerben, Kreischorleiter des Sängerkreises Moers, Vertreter der Landeschorleiter und Mitglied des Musikausschusses im Chorverband Nordrhein-Westfalen, 2. Vorsitzender des „Internationalen Chorleiterverbandes” ICV.
Womit fangen Sie Jugendliche?
Roosen Im Grunde braucht man sich nur an die eigene Jugend zu erinnern. Wofür haben wir uns begeistert? Für die Beatles, Rolling Stones, Cats oder andere. Das war unsere Form von einer Protestbewegung; die Jugendlichen heute haben dafür beispielsweise den Rap. Junge Menschen leiden heute zwar unter einer größeren Perspektivlosigkeit, aber werden mit ihrer Musik und ihrem Outfit ähnlich befremdet von den Eltern wahrgenommen, wie früher bei uns auch. Rap besteht im Grunde aus gesprochenen Texten, die viel von der Hilflosigkeit erzählen, aber wir hören nicht genau hin. Aber die Jugend will singen, nur nicht das, was die Chöre mit ihrer zumeist tradierten Literatur anbieten. Damit erreiche ich ja kaum mehr die Generation der 40- bis 50-Jährigen.
Warum ist das so?
Roosen Musik muss einen hohen Wiedererkennungswert haben. Der von den alten Volksliedern - so schade das ist, das möchte ich ausdrücklich betonen - geht gegen null.
Welche Rolle spielen Castingshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder für das neue Tarzan-Musical?
Roosen Dieter Bohlen mag sein, wie er will, aber er schafft es, 30 000 junge Menschen zum Singen zu bewegen, was wir in unseren Chören nicht schaffen. Welche Intention dahintersteht, ist eine andere Frage. Und wenn Sie die letzte Castingshow für das Tarzan-Musical gesehen haben: Was da an Stimmmaterial herumläuft - da werde ich grün und blau. Einfach nur traumhaft. Damit will ich nur sagen, junge Menschen wollen und können singen. Nur unsere Chöre verstehen nicht, was diese Jungen wollen. Sie stülpen ihnen Literatur über, mit denen sie nichts anfangen können, stoßen sie mit ihren altbackenen Bedürfnissen regelrecht weg. Es gibt viele Beispiele, wie das auch anders gehen kann. In Berlin-Kreuzberg zum Beispiel mit dem Projekt „Feuervogel“, für das sich die Choreographen und Musiker Jugendliche geholt haben, die als übelste Typen galten. Sie wurden zu den Motoren des Projekts.
Also raus aus dem Konzertsaal und hinaus auf die Straße?
Roosen Nein oder auch ja, aber man muss zielgerichtete, aktuelle Angebote machen. Ich mache zum Beispiel demnächst eine Fortbildung für den Bereich „Beat-Boxing“ und „Mouse-Percussion“ - ich habe keine Ahnung davon, möchte aber wissen, worum es geht, ich als Chorleiter. Als Musiker musiziere ich für mich beispielsweise liebend gern ein Requiem von Mozart oder ähnliche klassische Literatur, aber das ist eine Musik, auf die nur ein elitärer Teil der Menschen anspringt, aber nicht die Allgemeinheit.
Was müssen die Chöre also ändern?
Roosen Man kann den Chören da nur wenig Schuld zuweisen. Ich möchte lieber bei meinen Kollegen, den Chorleitern, ansetzen. Diese sind überwiegend fortbildungsresistent. Sie machen das, was sie einstmals in der Ausbildung gelernt haben; wissen nichts oder nur wenig von Popularmusik der heutigen Zeit, wollen stattdessen hohe Kunst mit Laien vermitteln. Was für mich im Übrigen ein Anachronismus ist. Ich habe hier den unbedarften Laien und da die hohe Kunst - das passt einfach in aller Regel nicht zusammen.
Wie sieht Ihr Ansatz denn aus?
Roosen Gegenfrage: Wie läuft denn ein Konzert normalerweise ab? Da hat ein Männergesangverein einen Auftritt, und Oma, Opa, die ganze Verwandtschaft muss da hin. Aber wen sonst spreche ich damit noch an? Viel zu wenig.
Das heißt?
Roosen Die verkrusteten Strukturen eines Vereins müssen aufgebrochen werden. Der Verein als solches bietet zu viele Lücken, die mir zu viele Alibifunktionen zulassen - hier eine Vorstandssitzung, da eine nächste -, aber das bringt uns nicht wirklich weiter. Man kann zum Beispiel eine gemeinnützige GmbH gründen, mit einem Geschäftsführer und der Gesellschafterversammlung, der früheren Mitgliederversammlung. Mitarbeiter werden nach Talent gesucht: Wenn jemand Journalist ist, bietet es sich an, ihn die Öffentlichkeitsarbeit machen zu lassen.
Es geht also nicht nur darum, das Liedrepertoire zu verändern, sondern die gesamte Organisationsstruktur?
Roosen Genau. Die Musik muss einen Wiedererkennungswert haben; da muss ich mich auch am Zeitgeist orientieren und mich ihm sogar unterwerfen, damit sich die Menschen für meinen Chor interessieren. Aber ich muss das Ensemble auch neu aufstellen. Das bezieht im Übrigen den Namen ein. Der muss reizvoll sein, mit dem Namen muss eine Marke wachsen. In Grevenbroich-Neukirchen heißt der Frauenchor - unter dem Dach des „Rheingold Neukirchen“ - „Make up“: Den Namen vergisst man nicht so schnell und kann sofort etwas damit anfangen. Und es vermittelt sich nach außen und innen ein ganz anderes Bild als jenes, das durch das traditionelle Wort „Gesangverein“ entsteht.
Auf Ihrer Homepage bezeichnen Sie Chorgesang als Produkt.
Roosen Nur im wirtschaftlichen Sinne unter dem Aspekt der Vermarktung. Wenn ein Artikel keine Nachfrage hat, nehme ich ihn vom Markt. Das ist auch beim Chorgesang so. Wenn er keine Interessenten findet, muss ich damit aufhören oder mir etwas Neues einfallen lassen.
Aus Ihnen spricht der PR- und Marketing-Experte.
Roosen Nein, nicht nur. Denn ich weiß, dass aus soziologischen Aspekten die traditionellen Strukturen eines Vereins viele Menschen, vor allem aber Jugendliche, abschrecken. Ämter wie Vorsitzender, Schatzmeister werden als Ausdruck von Macht empfunden - und das hält viele davon ab, sich zu engagieren. Wenn ich jedoch dazu übergehe, mir Mitarbeiter nach ihren Fähigkeiten zu suchen, sie für eine Sache einsetze und dann für die nächste wieder einen anderen finde ...
... Sie meinen eine projektbezogene Mitarbeit?
Roosen Genau, denn daraus kann sich so viel Gutes entwickeln. Wer sagt denn, dass sich da nicht Freunde finden, die Geschmack an der Arbeit und Organisation finden und einsteigen wollen? Ich kann doch immer nur von dem ausgehen, was ich gerade vorfinde.
Das könnte einen Vorstand ja auch entlasten.
Roosen Wenn ich mal davon absehe, dass ich schon das Wort „Vorstand“ fürchterlich finde - ja. Ich bevorzuge aber Funktion und Begriff eines Managements bzw. Geschäftsführers.
Würden Sie so weit gehen, dass die heutigen Chöre und Gesangvereine nicht überleben werden, wenn sie nicht an ihren Strukturen arbeiten?
Roosen Ja. Um ein Bild zu benutzen: Die Chöre stehen mit dem Rücken an der Wand, haben aber noch die Möglichkeit, zwei Schritte nach vorn zu gehen. Irgendwann geht es keinen Schritt mehr vorwärts. Das wäre dann der sichere Tod. Ich wünsche mit natürlich, dass die Leute aufstehen und etwas Neues ausprobieren. Mein Traum ist es, dass Chorgemeinschaften eine neue Perspektive für ihre Arbeit finden. Aber ich weiß, mir läuft die Zeit davon.
Viele Chorleiter rechtfertigen sich damit, dass sie schon so viel ausprobiert hätten, aber nichts etwas gebracht habe ...
Roosen Das stimmt, da gibt es etliche Ailibi-Sprüche, die immer wieder auftauchen: Wir haben keine Sponsoren, die Presse nimmt uns nicht wahr; die Jugendlichen wollen nicht singen ... Ja, warum sollen Sponsoren denn etwas fördern, das kein richtiges Profil hat? Warum soll die Presse über etwas berichten, was keinen aktuellen Nachrichtenwert hat? Was sollen die Jugendlichen denn singen? Das Wichtigste für jede Institution des vokalen Musizierens - ich benutze den Begriff Chor ganz bewusst nicht mehr - ist eine ordentliche Präsentation, eine zielgerichtete Literatur, die allerdings Analysen voraussetzt, eine Gruppenstruktur, die das Singen von der Wiege bis zur Bahre garantiert - angefangen beim Liedergarten und endend bei alten Menschen. Jede Gruppe bekommt einen Namen, aber auch ein eigenes Profil.
Das kann auch altes Liedgut sein.
Roosen Natürlich.
Aber droht gerade dem bei dieser Strukturveränderung nicht das Aus?
Roosen Ich behaupte, dass das Volkslied an einem richtigen Platz eine größere Aktualität denn je hat.
Wie bitte?
Roosen Ich will ein Beispiel nennen. Bei einer Musicalshow haben wir als Zugabe a cappella das Volkslied „Der Mond ist aufgegangen“ gesungen - die Zuhörer haben getobt vor Begeisterung. Aber an dieser Stelle, nach einem Medley aus neuen Musicals, hat niemand ein Volkslied erwartet. Es hat an dieser Stelle eine ganz andere Bedeutung, als wenn es in einem Konzert ausschließlich präsentiert wird.
Also muss man es nur geschickt unterjubeln.
Roosen Nein, das hat nichts mit unterjubeln zu tun. Das Volkslied hat einen ungeheuren Wert, auch wenn man sich trefflich darüber streiten kann, ob die Texte heute noch eine Bedeutung haben. Aber sie spiegeln eine Sprache des Volkes wider, aus einer anderen Zeit zwar, aber sie sind ein Stück Kulturgut. Es kommt nur darauf an, in welcher Atmosphäre sie vermittelt werden. Mir ist aber klar, dass meine Ideen das traditionelle Chorwesen revolutionieren.
Was bedeutet das Singen für Sie persönlich?
Roosen Gesang ist für mich Befreiung und bedeutet, der Seele Luft zu geben.
Das Gespräch führten Helga Bittner und Christoph Kleinau.
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