Sommertour: Geheimnisvolle Orte (31) (NGZ). Während der Ferienwochen berichten unsere Reporter täglich von uralten Legenden und geheimnisvollen Orten in NRW. Heute: Krefelds Belgisches Viertel, das erst fertig wurde, als die Besatzer die Stadt bereits verlassen hatten.
Der Blick verfängt sich an den hellen Fassaden. Eine abgerundete Hausecke, darüber ein Balkon und ein Walmdach, strenge neoklassizistische Fenstergliederung und vielerlei ungewöhnliche vieleckige und ovale Elemente. Der Flaneur befindet sich in der Von-Steuben-Straße in Krefeld, und Hans-Peter Schwankes Architekturführer vermerkt unter den Hausnummer 14 bis 34 sowie für die Tenderingstraße 2, 4, 7, 9, 11 und Neuer Weg 80, 82, 84, 86 : "Wohnbauten für Offiziersfamilien der belgischen Besatzung". Errichtet 1926 vom Architekten Franz Lorscheidt. War die größte belgische Garnison da nicht schon geräumt?
Die ansprechenden Bauten des Reichsneubauamts sollten wohl ursprünglich höhere belgische Militärs bewohnen, angesichts der herrschenden Wohnungsnot zogen jedoch Einheimische ein. Sieben Jahre währte jene Besatzungszeit, die historischen Quellen zufolge für die Krefelder Bürger bedrückende waren, in denen sie oftmals die Faust in der Tasche machten. Die Offiziere in ihren khakifarbenen "englischen" Uniformen waren anfangs im Krefelder Hof, später in "Bürgerquartieren" untergebracht, ehe 1921 Am Hohen Haus die ersten Wohnhäuser für belgische Offiziersfamilien entstanden.
Belgische Besatzer
Die Besatzungszeit dauerte vom 6. Dezember 1918 bis 31. Januar 1926. Anfangs waren 7500, später bis zu 6000 Soldaten in Krefeld stationiert. Das Deutsche Reich musste laut Versailler Vertrag angemessene Unterkünfte für die Besatzungsmacht zur Verfügung stellen. Von 1918 bis 1921 waren mehr als 1220 Quadratmeter in Privathäusern beschlagnahmt, von 1923 bis 1924 etwa 900. Bis 1924 sind etwa 1000 Übertretungen von Verordnungen der Besatzungsmacht aktenkundig.
Die Krefelder Architekten August Biebricher und Peter Frank entwarfen die mehrgeschossigen Backsteinbauten. Die belgischen Militärs waren seit Napoleons Truppen die ersten, mit denen die Krefelder zu tun hatten. Sie fühlten sich in ihrer Freiheit eingeschränkt und erlebten als Angehörige einer Nation, die einen Krieg verloren hatte, ähnliche Demütigungen von den belgischen Soldaten wie diese sie empfunden haben mochten, als deutsche Soldaten ihr Land ausplünderten. Die Kasernen, Schulen und Barackenbauten, in denen die Soldaten untergebracht waren, dürften wie auch die Offizierswohnungen Inseln in einer ablehnend gestimmten Umgebung gewesen sein.
Vorschriften und Verlautbarungen erschöpften die Geduld der Krefelder Bürger, die sich ohnehin mit rationierten Lebensmitteln und Geldentwertung herumzuschlagen hatten: Die Besatzer stellten die Uhren eine Stunde vor, zensierten die Tageszeitungen und kappten alle Verbindungen zur rechten Rheinseite.
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