Aus Alt, mach Neu (NGZO). Den Hotelbetreibern brechen in diesem Jahr die Geschäftskunden weg, das Messegeschäft läuft flau. Jochen Haase, Hotelier des ehemaligen "Ibis" an der Hellersbergstraße in Neuss, hat sein Haus trotz der Wirtschaftskrise runderneuert. Es heißt jetzt "all seasons".
Der innenarchitektonische Gegenentwurf zur grauen Tristesse der Wirtschaftskrise residiert an der Hellersbergstraße 16 in Neuss. Die Farben explodieren geradezu vor dem Besucher, der das vier Stockwerke hohe Haus betritt. Plexiglaslampen und verformte Stühle leuchten in orange, rot, türkis und grün. In einer modernen Version von Pippi Langstrumpf würde so vermutlich die Villa Kunterbunt aussehen.
Aus dem Hinterzimmer des Hotels tritt jedoch kein schwedisches Mädchen mit roten Zöpfen und Sommersprossen, sondern ein gemütlich wirkender Mann mit einem freundlichen Gesicht.
"Wir haben komplett renoviert, alle 50 Zimmer", sagt Jochen Haase. Er und seine Frau sind Besitzer des "all seasons"-Hotels, das vor wenigen Wochen noch "Ibis" hieß. "all seasons" ist eine noch junge Marke der französischen Accor-Gruppe und zeichne sich durch "ein individuelles Designkonzept aus, das durch harmonische starke Farben, viel Licht, innovative Materialien und überraschende Designelemente geprägt ist". So jedenfalls beschreibt es das Unternehmen selbst. Die Einschätzung spiegelt sich zumindest in der Neusser Außenstelle wider: Es gibt jetzt belegte Bagel beim Frühstücksbuffet und zu Saft püriertes Obst, so genannte "Smoothies". Immerhin eine halbe Million Euro hat Haase, der das Haus als Franchisenehmer (siehe Infokasten) führt, in den Umbau gesteckt.
Franchising
Beim Franchising stellt ein Franchisegeber (Accor) einem Franchisenehmer (Jochen Haase) die (regionale) Nutzung eines Geschäftskonzeptes gegen Entgelt zur Verfügung. Oftmals sind dies Nutzungsrechte an Markenzeichen. Berühmtes Beispiel für ein Franchise-Konzept ist die Fast-Food-Kette McDonald's.
Dabei sind auch die Zeiten in der Hotelbranche schwierig. Die Zahl der Gäste im Rhein-Kreis Neuss ist laut dem Statistikamt IT.NRW im ersten Halbjahr 2009 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um sechs Prozent geschrumpft, die Zahl der Übernachtungen sogar um 16,8 Prozent. Dass es zum wirtschaftlichen Einbruch kommen würde, war bekannt. Aber: "Sowohl das Messegeschäft als auch der Geschäftsreise-Tourismus in der Region sind stärker als erwartet eingebrochen", sagt Thorsten Hellwig, Sprecher des Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA) NRW. Und gerade in der Region ist der Geschäftsreise-Tourismus stark ausgeprägt. Die schlimmen Prognosen haben auch Thorsten Haase nicht überrascht. Für ihn stellte sich die Frage: stillhalten oder investieren?
"Da haben wir gesagt: Jetzt erst recht!", sagt der 39-Jährige. Dass der Vertrag mit "Ibis" – die Marke gehört ebenfalls zu Accor – auslief, passte gut. "Bei ,Ibis' gab es genaue Vorgaben, welcher Stift auf welchem Zimmer liegen muss – jetzt haben wir mehr Luft", sagt Haase. Zwar gebe es ein Design-Buch, doch innerhalb dieses Buches könne sich jeder Hotelier austoben. Derzeit haben gerade einmal eine handvoll "all seasons"-Hotels in Deutschland geöffnet – bis 2011 soll die Zahl der Häuser indes auf 25 in Deutschland und 120 in Europa anwachsen.
Jochen Haase schließt die Tür zu einem Raum auf. Das Bett steht schräg im Raum, auf die grünen Schrankschiebetüren sind Zielscheiben aufgemalt – eine Reminiszenz an das Schützenwesen in Neuss. Für die Gestaltung war das Düsseldorfer Innendesign-Büro Dreesen zuständig. "Es soll alles ein wenig humorvoll wirken, und nicht nach Schema F", sagt Haase. Sein Hotel ist derzeit im Zwei-Sterne-Bereich angesiedelt. Doch ist sich der Hotelier sicher, hoch gestuft zu werden. "Bei der nächsten DEHOGA-Kategorisierung sind wir mit drei Sternen locker dabei."
zur sache Mutmacher
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