Pfarrer Stefan Zekorn im Interview (NGZO). Rhein-Kreis Neuss Wer sich auf eine Pilgerreise begibt, der macht Herz und Kopf frei. Und wer das eigentliche Ziel kennt, den werfen auch Schritte ins zunächst Ungewisse nicht aus der Bahn. Diese Meinung vertrat der Rektor der Wallfahrt in Kevelaer, Pfarrer Dr. Stefan Zekorn, im NGZ-Interview.
Herr Pfarrer Zekorn, viele Menschen wechseln von einem Wohnort zum anderen, von einem Job zum anderen, von einer Ehe zur anderen. Sind wir nicht viel zu viel unterwegs?
Pfarrer Stefan Zekorn Ständige Veränderung gehört zu den typischen Merkmalen unserer Zeit. Oft ist dies eine positive Herausforderung. Denn wer sich auf neue Situationen einlässt, der kann als Persönlichkeit reifen. Häufig müssen wir Veränderungen aber auch als bedrängende Situationen erleben. Dann ist es entscheidend, einen Halt außerhalb der Zeit zu haben.
Aus welchem Grund sind Menschen, die ständig im Stress sind, auch noch in der Freizeit ständig unterwegs auf dem Weg zu Vergnügungen aller Art?
Zekorn Vielleicht, weil sie keine innere Ruhe finden?
…und was unterscheidet dieses Unterwegssein zu Vergnügungen aller Art vom Unterwegssein des christlichen Menschen?
Zekorn Als Christ erlebe ich, dass mein Lebensweg bei Gott geborgen ist und bei ihm sein endgültiges Ziel findet. Das relativiert die positiven und erst recht die negativen Veränderungen des Lebens und ermöglicht innere Ruhe in äußerem Trubel.
Eine Pilgerreise gilt als Spiegelbild des menschlichen Lebens, Bewegung in einem rauen Klima inklusive. Was sagt das dem heutigen Menschen, der sich in einer Wirtschaftskrise zurecht finden muss?
Zekorn Wenn man um das Ziel weiß, reicht einem zum Weitergehen das Wissen um den nächsten Schritt. Das gilt für Pilger im Regen und im übertragenen Sinn für das Durchleben der aktuellen Wirtschaftskrise. Niemand kann genau wissen, was richtig ist. Aber wenn man die Ziele kennt, kann man Schritte machen, die grundsätzlich in die richtige Richtung führen werden. Ziele in dieser Wirtschaftskrise sind zum Beispiel Gerechtigkeit für alle Menschen, sozialer Ausgleich, maßvolle Renditen und Verdienste sowie Ehrlichkeit.
Weniger Jobs, weniger Geld, weniger Vorbilder, aber auch weniger Kirchen, weniger Priester und weniger Gläubige - hilft eine Wallfahrt, Orientierung zu finden im Niedergang dieser Zeit?
Zekorn Wer erlebt, wie einer der vielen Fußpilgergruppen nach anstrengenden Tagen hier in Kevelaer ankommt, der fühlt: Es gibt in aller Anstrengung und Dunkelheit ein Licht, das unzerstörbar ist, nämlich die Liebe Gottes.
Jugend-Wallfahrt, Motorrad-Wallfahrt, Tamilen-Wallfahrt - über 800 000 Pilger kommen im Jahr nach Kevelaer, Tendenz steigend. Wie erklären Sie sich die Faszination der Wallfahrt in Zeiten, in denen immer weniger Menschen zur Kirche gehen?
Zekorn Auf einer Wallfahrt erlebt man eine Dichte des Glaubens, die für viele so im Alltag nicht erfahrbar ist. Wer sich auf Wallfahrt begibt, steigt außerdem aus dem Alltag aus. Das macht Kopf und Herz freier.
Die Wanderung auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela ist regelrecht ein Renner. Der Entertainer Hape Kerkeling nahm sie auf sich. Hat Kevelaer von seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ profitiert?
Zekorn Vermutlich nicht, denn anders als nach Santiago de Compostela pilgert man nach Kevelaer in der Regel nicht allein, sondern in einer Gruppe. Allerdings kommen auch nach Kevelaer sehr viele suchende Menschen. Dass da der eine oder andere von Hape Kerkeling angeregt worden ist, kann schon sein.
Sie pilgern mit Kevelaerer Katholiken anlässlich Ihres silbernen Priesterjubiläums nach Rom. Was erhoffen Sie sich von dieser Wallfahrt?
Zekorn Mein Wunsch ist, dass wir durch die Begegnung mit den zahlreichen römischen Heiligen und durch das Erleben der Weltkirche den eigenen Weg der Nachfolge Jesu lebendiger gehen!
Was wünschen Sie sich, wohin die Pilgerreise der Kirche geht?
Zekorn Es wäre schön, wenn wir alle als Kirche lebendiger und persönlicher vom Glauben Zeugnis geben würden, damit möglichst viele Menschen zu Jesus finden. Denn bei ihm allein sind wirklich Ruhe, Kraft und Orientierung.
Und wo finden Sie persönlich Ruhepole auf der Pilgerreise Ihres Lebens?
Zekorn Ganz einfach: Im stillen Gebet - am liebsten vor dem Allerheiligsten, der ja in jedem Tabernakel jeder Kirche so unglaublich nahe ist.
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