Sommertour: Geheimnisvolle Orte (30) (NGZ). Während der Ferienwochen berichten unsere Reporter täglich von uralten Legenden und geheimnisvollen Orten in Nordrhein-Westfalen. Heute: das düstere Verlies auf dem Grund des Zonser Juddeturms.
Als Hermann Kienle zum ersten Mal in die Schwärze des Juddeturms hinabblickte, war er zehn Jahre alt. Dunkle Märchen kursierten damals über die Unterwelt von Zons, ihre verzweigten Gänge und den steinernen Turm mit der barocken Kuppel. In den glitzernden Fenstern, hieß es, spiegelten sich die Geister der Verstorbenen.
Heute, 60 Jahre später, erzählt Hermann Kienle als Nachtwächter von Zons die Geschichten der Vergangenheit. Mit seinem dunklen Mantel und der Hellebarde sieht er selbst ein wenig aus, als käme er aus dem 15. Jahrhundert.
Das mit Spinnweben verklebte Gitter, das den Weg in die Tiefe des Kellerverlieses versperrt, öffnet er noch immer mit Ehrfurcht. "Vor 50 Jahren ist das Schaf eines Zonser Bauern hier hinunter gefallen", erzählt Kienle und deutet auf den Gullideckel-großen Schacht. Kienle lässt ein Lot hinab, es stoppt bei 6,30 Meter. Das Schaf hat überlebt. Männer waren hinabgestiegen in die Dunkelheit und hatten nur moddrige Haufen vorgefunden. Die Gefangenen, die über eine Seilvorrichtung in das Verlies befördert wurden, hatten oft weniger Glück. Kienle erzählt von einem behinderten Mann, der gehänselt wurde. Aus Wut habe er zwei Häuser angezündet – und landete in der Enge des Turms, in die nur ein fahler Lichtschein durch einen Schlitz hineinfällt, der an der sonnenabgewandten Seite eingelassen ist.
Führungen durch Zons
Nachtwächterführung Die Nachtwächter Hermann Kienle und Karl-Heinz Stumps bieten regelmäßig Führungen durch die Zollfeste Zons an.
Termine Die nächsten Führungen sind für den 20. und 27. August geplant.
Treffpunkt ist um 21 Uhr an der Tourist-Info.
Anmeldung unter 02133 2762-815 oder tourismus@svgd.de.
Tag des offenen Denkmals Der Juddeturm kann am 12. September besichtigt werden.
Hermann Kienle hält ein Feuerzeug an die die schwere Holztür. Es sind kryptische Zeichen dort eingeritzt, christliche Symbole und eine umgedrehte Waage. "Sie könnte ein Fehlurteil symbolisieren", sagt der Nachtwächter und tritt ins Freie. Die alten Mauern aus dem 14. Jahrhundert sind ihm ans Herz gewachsen. Als Kind nannten sie ihn und seine Freunde die Zonser Mauerspringer, weil sie das Gelände auf eigene Faust erkundeten. "Ich hoffe," sagt Kienle, "dass der Juddeturm irgendwann begehbar gemacht wird." Auf den oberen Etagen weht ein frischer Wind. Es sind Nischen ins Mauerwerk eingelassen, in denen früher Kerzen für düsteres Lichtspiel sorgten. Von hier bewachten die Zonser ihre Zollfeste. Heute verirren sich nur noch einige Tauben hierhin – und vielleicht die Geister der Verstorbenen, wenn die Sonne auf die Fenster fällt.
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