Rhein-Kreis Neuss (NGZ). Köln/Rhein-Kreis Manchmal ist das Café Jakubowski im Kölner Stadtteil Mülheim Petra Neumanns (49) Büro. Sie kettet dann ihr Fahrrad an einen Poller an, klappt ihren Laptop auf, bestellt einen Latte macchiato und zeigt einem Kunden ihre Entwürfe.
Formen der Vorsorge
Die beliebtesten Altersvorsorge-Formen sind nach der Studie die Private Lebens-/Rentenversicherung (74 Prozent), das Bausparen oder die Immobilie (39,3 Prozent) und die Wertpapieranlage (39 Prozent). Es folgen das Banksparen (22,7 Prozent) und die Rürup-Rente auf Platz fünf (12,1 Prozent).
Die Kölnerin ist diplomierte Designerin, sie hat an einer Fachhochschule studiert, an der nur 80 von 1000 Bewerbern angenommen werden. Petra Neumann heuerte bei einem Internetportal an, das Versicherungs- und Finanzdienstleistungen vermarktete, doch als der Neue Markt Anfang des Jahrtausends zusammenbrach, wurde auch sie von der riesigen Entlassungswelle mitgerissen. 2003 machte sie sich unter dem Namen „d.Signz“ selbständig und gestaltet seitdem hauptberuflich Internetseiten und Printprodukte.
Damit gehört die rothaarige Domstädterin laut einer Studie der Gothaer-Versicherung einer Gruppe an, der die Altersarmut droht, „da sie in ihrem Erwerbsleben keine oder nur unzureichend Vorsorge für ihr späteres Leben getroffen haben“. Immerhin 47 Prozent der in der Studie befragten Personen gaben an, Angst vor der Armut im Alter zu haben.
Und das Szenario, das der Sozialpoltische Beirat der Versicherung zeichnet, ist düster:
l Weniger als die Hälfte der befragten Personen mit einem Einkommen unter 1000 Euro betreibt Altersvorsorge, jeder Dritte in der Altersgruppe zwischen 20 und 29 Jahren legt überhaupt kein Geld zurück.
l Knapp ein Drittel derjenigen, die Altersvorsorge betreiben, legt gerade mal zwischen 50 und 150 Euro zurück.
l Fast 70 Prozent der Befragten mit einem monatlichen Einkommen unter 2000 Euro befürchtet, im Alter auf die soziale Grundsicherung von derzeit circa 347 im Monat angewiesen zu sein.
Es sind Probleme, die Thomas Zaja, Experte beim Versicherungsmakler THL in Neuss, aus der täglichen Praxis gut kennt. „Wir merken, dass viele Solo-Selbständige, und nicht nur Ich-AGs, die Altersvorsorge vernachlässigen“, sagt Zaja. Er könne nachvollziehen, wenn Existenzgründer sich im ersten Jahr auf ihr Kerngeschäft konzentrierten, doch spätestens im zweiten Jahr müsse die Altersvorsorge angepackt werden. Aufgrund des fehlenden Zinseszinseffekts würden Selbständige schnell und von Jahr zu Jahr mehr in die Bredouille rutschen, wenn sie nicht vorsorgen.
Bei den Existenzgründerseminaren der IHK Mittlerer Niederrhein wird das Thema Altersvorsorge angeschnitten. Wolfgang Koger, IHK-Berater, glaubt dennoch: „Die Vorsorge ist schon ein Thema, das viele Gründer vernachlässigen.“
Auswege aus der Krise? Versicherungsmakler Zaja rät: Wer nicht über den Ehepartner „riestern“ könne, der kann einen 400-Euro-Job annehmen, freiwillig in die Rentenkasse einzahlen und darüber einen Riestervertrag abschließen; auch die Rürup-Rente sie für Selbständige „noch am ehesten geeignet“. Das Problem: „Der Staat gibt nichts, ohne dass er es nicht wieder wegnimmt.“
Zaja würde zu einer Mischform bei der Altersvorsorge raten, einer fondsgebundenen Aktienanlage im Versicherungsmantel: 100 Euro im Monat fix und zweimal im Jahr extra 5000 Euro - „das setzt natürlich eine gehörige Portion Disziplin voraus.“ Vor Berufsgruppen mache das Problem indes keinen Halt: Hausmeister, Baunebenberufe, Pseudospediteure, Kosmetikerinnen - es gebe auch eine Reihe von Rechtsanwälten, die nicht viel über Sozialhilfeniveau verdienen, sagt Zaja. Vom „Proletariat der Freiberufler“ spricht der Versicherungsmann.
Petra Neumann sieht nicht aus, als gehöre das Wort „Sorge“ zu ihrem Vokabular. In gewisser Weise mag sie die Selbständigkeit, die Freiheit, vielleicht auch das Jakubowski ...
Vom 2. bis 5. Oktober wird sie sich an einer Ausstellung des Katholisch-Sozialen Instituts in Bad Honnef beteiligen. Motto: „Was glaubt, wer nicht glaubt?“ Petra Neumann glaubt noch - auch an die Gestaltungskraft ihres Berufes, das merkt man. „Sicher, ich bin als Selbständige mehr gefordert, muss flexibel sein, sehr kurzfristig Aufträge bearbeiten“, sagt sie.
Am liebsten würde sie in Teilzeit arbeiten, damit sie sich um den Sockelbetrag für die Miete keine Gedanken machen müsste. Doch auch jetzt hat sich die 49-Jährige ein Netzwerk eingerichtet, sie arbeitet fest mit einem Programmierer zusammen, hat Kontakte zu einem Fotografen und Profis der Bereiche PR und Text.
Und die Altersvorsorge? „Hängt von der Auftragslage ab“, sagt Petra Neumann. Sie habe eine Fondsanlage, in die sie einzahle. Sie schaut einen Moment ernst und sagt: „Und ich treibe viel Sport!“
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