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Rhein-Kreis Neuss: „Die große Zeit der Malls ist vorbei“

VON JENS KRÜGER - zuletzt aktualisiert: 05.08.2008 - 21:30

Rhein-Kreis Neuss (NGZ). rhein-kreis neuss/Krefeld Der Textileinzelhandel steht zunehmend unter Druck. Das ist das Ergebnis einer Studie des Kreditversicherers Atradius, der die Branche auf die „Watch List“ gesetzt hat. Die NGZ sprach über die Situation der Sparte mit Franz-Joseph Greve, Vorsitzender des Einzelhandelsausschusses der IHK Mittlerer Niederrhein und selbst Chef eines Krefelder Damenmodengeschäfts.

Franz-Joseph Greve: „Wie die Kinder im Sandkasten.“  Foto: Lothar Berns
Franz-Joseph Greve: „Wie die Kinder im Sandkasten.“ Foto: Lothar Berns

Herr Greve, der Kreditversicherer Atradius setzt den Textileinzelhandel auf die „Watch List“ für gefährdete Branchen, der Verband der Rheinischen Textilwirtschaft verkündet in einer Pressemitteilung, dass die überwiegende Mehrheit der Mitgliedsunternehmen die Geschäftslage positiv beurteilt. Wie passt das zusammen?

Franz-Joseph Greve Die Textil- und Bekleidungsindustrie ist heute auf internationalen Märkten präsent. Der Textileinzelhandel lebt im und vom deutschen Binnenmarkt. Da liegt der Unterschied. Die Textilindustrie in der Region hat sich vom Markt für Bekleidungstextilien weitgehend abgekoppelt.

Sie produziert Stoffe für Autositze, schusssichere Westen, Filter für die Medizintechnik und vieles mehr: High Tech. Der Textileinzelhandel lebt überwiegend von der Mode und Bekleidung und von Heimtextilien.

Dem Insolvenzantrag eines bekannten Modehauses aus NRW könnten weitere folgen, heißt es in der Atradius-Studie. Steckt die Branche in der Krise?

Greve Inzwischen haben wir die Insolvenz von Hertie gesehen, und man kann weitere Schwierigkeiten im Einzelhandel nicht ausschließen. Der Einzelhandel insgesamt liefert zurzeit kaum erfreuliche Meldungen.

Woran liegt das?

Greve Der Einzelhandel krankt ganz aktuell daran, dass die Kunden ihr Geld festhalten. Der Konsumschock, der durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer zu Beginn des Jahres 2007 ausgelöst wurde, ist noch lange nicht verkraftet.

Woran krankt gerade der Textileinzelhandel?

Greve Der Textileinzelhandel hat das Problem, dass die Mode immer schnelllebiger, die Lieferzeiten für die Bestellungen immer länger und die Beschaffungswege immer weiter werden. Hinzu kommt der gesellschaftliche Wandel - Stichwort Demografie - und die damit einhergehende Veränderung in den Bekleidungsgewohnheiten.

Der Textil- und Modehandel in den Innenstädten ist zudem auf hohe Publikumsfrequenz angewiesen. In leeren Städten und leeren Läden kauft man nicht gerne. Die Geschäfte außerhalb der Zentren sind keine direkte Konkurrenz, aber sie saugen die Frequenz ab.

In Düsseldorf werden die Bilker Arcaden gebaut, in Mönchengladbach soll ein neues großes Einkaufszentrum entstehen - ist es da nicht logisch, dass Neuss mit einer eigenen Mall dem Kaufkraftabfluss vorbeugen will?

Greve Die Lokalpolitik schwärmt allerorten von großen Einkaufszentren. Man sollte sich einmal die Mühe machen, nicht nur die Hochglanzprospekte der so genannten Investoren zu studieren, sondern sich im Lande umschauen, welche Malls und Zentren funktionieren und welche nicht. In den USA scheint die große Zeit der Malls jedenfalls vorbei zu sein.

Innerstädtische Einkaufszentren führen vorübergehend zu einem Zufluss an Kaufkraft aus dem Umland, aber das normalisiert sich relativ schnell wieder, Zudem haben wir Verkaufsflächen im Überfluss. Wer neue Flächen schaffen will, muss alte Handelsflächen aus dem Verkehr ziehen.

Dazu fehlt der Kommunalpolitik in aller Regel der Mut. Im Übrigen wären die Kommunalpolitik und die Stadtplanung gut beraten, die vorhandene Substanz und das eigenständige Gesicht des Standortes zu hegen und zu pflegen.

Der Herbst war mild, der Winter fand im Frühling statt, der Sommer ist streckenweise verregnet - ein Problem?

Greve Wetter ist immer. Aber richtig ist, dass das Wetter dem Textilhandel sehr zu schaffen macht. Es macht einfach keinen Spaß ständig gegen die Stimmung, gegen den Markt zu verkaufen. Wenn die bestellte Ware nicht abfließt, drückt das auf die Liquidität.

Die Eigenkapitalquote vieler Einzelhändler ist ohnehin gering ...

Greve Das stimmt und es trifft für den Mittelstand in Deutschland insgesamt zu. Wer sich seiner knappen Kapitalausstattung ständig bewusst ist und entsprechend handelt, der kann in aller Regel auch damit leben, aber es dürfen sich die Pannen mit Wetter, Energiepreisen, Steuererhöhungen und so weiter nicht häufen, dann gibt es Probleme.

Sie sprachen von langen Beschaffungswegen. Könnte möglicherweise ein Trend eintreten, die Produktion wieder zurück nach Deutschland zu verlagern?

Greve Wir sollten in diesem Zusammenhang nicht von Deutschland sondern von Europa reden. Steiff hat seine Plüschtier-Produktion zurück nach Europa geholt. Die Löhne in China und Indien steigen. Der Transport wird teuerer. Die zu produzierenden Mengen gehen teilweise zurück.

Da wird der eine oder andere Produzent sich vielleicht wieder auf Europa besinnen, zumal die ganze Abwickelung ja auch Geld kostet. Aber die globale Arbeitsteilung wird im Grundsatz nicht mehr umzukehren sein. Einen Niedriglohnstandort Deutschland sehe ich nicht. Es sei denn, wir erwirtschaften mit unseren Exporten nicht mehr die Devisen für unsere Importe.

Was kann der Sommerschlussverkauf retten - den es offiziell gar nicht mehr gibt?

Greve Die Schlussverkäufe sind Geschichte. Wir sollten die Toten ruhen lassen.

Warum gelingt es dem Einzelhandel nicht, sich terminlich besser abzusprechen?

Greve Das ist wie mit den Kindern im Sandkasten, wo jeder das Förmchen zuerst haben möchte. Wettbewerb! Außerdem sind uns die traditionellen Höhepunkte im Jahresverlauf abhanden gekommen.

Die meisten Spekulatius werden im September verkauft, Erdbeeren gibt es zu Weihnachten, einige exklusive Modegeschäfte bieten schon ihre Herbstkollektionen vor dem Sommeranfang an, und Osterhasen gibt es spätestens ab Heiligabend, und irgendwer ist immer mit Sonderangeboten und Rabatten am Markt. Was will man da absprechen?

Quelle: NGZ


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