Rhein-Kreis Neuss (NGZO). Angst um den Arbeitsplatz, Sorge um die Zukunft, Altersarmut – die Mitarbeiter der Telefon-Seelsorge spüren auch im Rhein-Kreis Neuss die Auswirkungen der wirtschaftlichen Talfahrt. Sie bieten Zuspruch und vermitteln Hilfe.
Rhein-Kreis Neuss Es ist 23 Uhr, und der Anrufer weiß nicht mehr ein noch aus: Er hat seinen Job verloren, und in seiner Ehe kriselt es schon lange. In seiner Not wählt er die Nummer der Telefon-Seelsorge. Dort findet er Ansprechpartner, die ihm zuhören und ihm die richtigen Beratungsstellen nennen. Kein Einzelfall. Immer mehr Menschen suchen – außerhalb der üblichen Öffnungszeiten der Beratungsstellen – im Rhein-Kreis Neuss einen verlässlichen Partner, mit dem sie vertraulich über ihre Probleme und Ängste sprechen können.
Im Jahr 2008 waren es 20 005 Anrufer – so viele wie noch nie. "In diesem Jahr waren es bis zum 9. September sogar schon14 161 Anrufe", erwartet Barbara Keßler, Leiterin der ökumenischen Telefon-Seelsorge für das Gebiet des Rhein-Kreises Neuss, etwa 20 500 Anrufe für 2009. Das sind rund 56 Gespräche pro Tag. "Vor allem abends, nachts und am frühen Morgen sind wir die einzigen, die zur Verfügung stehen", weist sie darauf hin, dass 60 Prozent der Anrufe außerhalb der Sprechzeiten liegen. Getragen wird die Telefon-Seelsorge vom Verband der Katholischen Kirchengemeinden im Kreisdekanat Rhein-Kreis Neuss und dem Evangelischen Kirchenkreis Gladbach-Neuss.
Ehrenamtliche
Für die ökumenische Telefon-Seelsorge Neuss arbeiten zurzeit 50 Frauen und Männer im Schichtdienst (etwa 15 Stunden im Monat), so dass die Anrufer rund um die Uhr auf einen Ansprechpartner treffen. Um den vielschichtigen Problemen zu begegnen, werden die Ehrenamtlichen neun Monate ausgebildet. Die nächste Gruppe startet im Frühjahr. Weitere Infos unter 0 21 31 / 2 35 75 beim Sekretariat der Telefon-Seelsorge.
Im vorigen Jahr waren die Auswirkungen der Wirtschaftskrise bereits deutlich zu spüren: "In den vergangenen Monaten sind Faktoren wie Angst um den Arbeitsplatz, Beziehungsprobleme und seelische wie körperliche Krankheiten zusammengekommen, die immer mehr Menschen zutiefst belasten", erläutert Keßler, dass es selten nur einen Grund für einen Anruf gebe. Die Gespräche seien immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. An erster Stelle ständen trotz finanzieller Probleme weiter vor allem partnerschaftliche Konflikte und Alltagssorgen, die jedoch zunehmend von Ader Krise geprägt seien. "Bei geringerem Einkommen fällt vielen die Gestaltung ihrer Freizeit schwer – und sie schämen sich, vor ihren Freunden zuzugeben, dass sie sich den Kinobesuch nicht leisten können, und ziehen sich zurück", berichtet Keßler davon, dass sich viele Anrufer nur der Stimme am Telefon anvertrauen können.
Lösen können die Ehrenamtlichen die Probleme der Anrufer nicht, allerdings bieten sie als geschulte Mitarbeiter der Telefon-Seelsorge eine andere Sicht auf die Sorgen der Anrufer und nehmen sie in ihrer Not ernst. So auch bei den 94 Anrufern mit Suizid-Absicht, die sich 2009 bisher meldeten. "Es besteht ein großes Gefälle zwischen Selbstmord-Themen und Scherzanrufen, die etwa 13 Prozent ausmachen", sagt die Leiterin, die die Ehrenamtlichen gemeinsam mit ihrer Vertreterin Margarete Scherff auch begleitet. Seit 1. September ist mit Sandra Sagolla eine weitere Fachkraft an Bord: "Damit sichern wir diesen wichtigen Dienst am Nächsten", so Barbara Keßler.
Info Kostenlos und anonym ist die Telefon-Seelsorge Neuss unter der Rufnummer 08 00 / 111 0 111 zu erreichen.
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