Rhein-Kreis Neuss (NGZ). Rhein-Kreis Neuss Der Patient ist siech, es geht ihm schlecht. 1863 geboren, laboriert er zumindest an zwei von drei Symptomen, die Professor Dr. Karl Lauterbach (SPD) als „die Problemblöcke des Alters“ definiert: Depression, Schmerzen, Demenz.
Doch der Sozialexperte referierte jetzt im Osterather Hof in Meerbusch nicht über seine Partei als Patient, die sich derzeit aufreibt zwischen Kanzlerkandidatur, Umfragetiefs und der Suche nach sich selbst; er sprach über das Thema „Altersgerecht leben“. Auf Einladung von Bernd Scheelen, Bundestagsabgeordneter für Krefeld, Meerbusch, Kaarst, Korschenbroich und Jüchen, war Lauterbach nach Osterath gekommen.
„Es wird derzeit viel Unsinn produziert, es gibt dumme Äußerungen aus den eigenen Reihen, wir müssen unsere Gemeinsamkeiten betonen und nicht unsere Misserfolge“, schwört Lauterbach zu Beginn die Basis ein - und macht sich auf die Suche nach dem Glück. Glück: mit dem Alter hat es nichts zu tun, so Lauterbach. Das besagen Analysen. „Das unglücklichste Alter ist zwischen 40 und 65 - ich stecke mittendrin.“ Die Zuhörer lachen.
Karl Lauterbach
Karl Lauterbach (44) stammt gebürtig aus Düren. Er hat Medizin in Aachen, Düsseldorf und Texas und Gesundheitsökonomie in Harvard studiert und ist bei der SPD Experte für Gesundheitspolitik, Rentensysteme, Pflegeversicherung und Bildungspolitik. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.
Der Osterather Hof ist ein Hotel mit urigem Ambiente, das auch im bayerischen Wald stehen könnte: Dunkles Holz, Schiebetüren, Brezeln werden gereicht, nur die Aschenbecher fehlen. Um kurz vor 18 Uhr tagt noch eine Gruppe Tiermediziner im Saal, die SPD muss warten, Ex-Kanzler Schröder hätte vermutlich an der Tür gerüttelt und gerufen: „Ich will hier rein!“
Zu Professor Dr. Karl Lauterbach passt das Emotionale nicht. Mit runder Brille und Fliege versprüht er eher den Charme eines Volksschul-Lehrers, schlau, aber etwas spröde. Er spricht schnell. Darüber, dass die Skandinavier glücklicher sind als die Engländer und die Engländer glücklicher als die Amerikaner.
„Je mehr Ungleichheit herrscht, desto unglücklicher sind die Menschen undsoweiterundsofort“, sagt Lauterbach. Im Alter verschwinden die Unterschiede, der Vorstandsvorsitzende ist Pensionär, der Pförtner in Rente. „Das Gleichheitsmoment kommt zum Tragen, im Alter leben wir alle in Schweden“, so der Sozialexperte. Dann kommt er zum Thema, den drei Problemblöcken.
„Viele Ältere merken überhaupt nicht, dass sie depressiv sind“, sagt Lauterbach. Und die Diagnostik sei in Deutschland nicht sehr ausgereift. Das Gleiche gelte für Schmerzen. Es gebe nur einen Lehrstuhl für Schmerzmedizin in NRW, an der Universität Harvard arbeiteten fünf Experten. „Die Schmerztherapie in Deutschland ist balkanisiert“, sagt Lauterbach. Die Zuhörer nicken. Einer sagt: „Der ist gut.“ Bernd Scheelen schaut zum Referenten hoch und beißt in seine Brezel.
Lauterbach versucht nun einen Spannungsbogen aufzubauen. Hoher Blutdruck und hohes Cholesterin steigerten die Demenzgefahr. „Viele Menschen ängstigen sich nicht vor einem Herzinfarkt, aber vor einer Demenz undsoweiterundsofort.“ Sein nächstes Buch handele im Übrigen von dem Thema.
Dann spannt er den Bogen zur Partei, nun gilt es, die Basis zusammenzuschweißen. „Wir haben bei der Pflegeversicherung viel erreicht“, so Lauterbach. Doch in vielen Heimen gebe es noch Defizite. In drei Jahren würde es eine Veröffentlichung geben, welche Heime Qualitätsprobleme hätten. Ein Raunen geht durch die Menge.
Der erste Applaus kommt auf, als Lauterbach über Rentenpolitik spricht, über Altersarmut und eine Sockelrente, deren Idee nicht schlechter dadurch werde, dass Ministerpräsident Rüttgers sie gestohlen habe. „Das Ziel der Unions-Rhetorik ist es, die Willy-Brandt-Generation zu vereinnahmen undsoweiterundsofort“, sagt Lauterbach. Die Basis ist erobert. Bernd Scheelen dankt dem Referenten und gesteht, dass er morgens mit Rückenschmerzen aufgewacht sei. Vielleicht könne man nachher darüber reden?
Lauterbach macht den ersten Witz des Abends: „Nur wenn du die zehn Euro Praxisgebühr dabei hast.“
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