Abschied aus der Politik (NGZO). Willy Wimmer gehörte 33 Jahre dem Bundestag an, jetzt macht er Schluss. Das kleine Jüchen und der ländliche Niederrhein haben ihn geprägt. Überschaubarkeit als Maßstab in einer globalen Welt.
Willy Wimmer, Jüchen
Geboren 1943, Mönchengladbach Wohnort Jüchen Beruf Rechtsanwalt Familie verheiratet, ein Sohn
CDU-Mitglied seit 1959 Bundestag seit 1976 bis 2009 Staatssekretär 1988 bis 1992 OSZE-Vizepräsident 1994 / 2000 CDU-Bezirks Niederrhein Vorsitzender von 1986 bis 2000
Rhein-Kreis Neuss Klingeltöne schrecken Pepper nicht. Der Parson Jack Russell ist daran gewohnt, die Aufmerksamkeit seines Herrchens mit Anrufern zu teilen – auch während der langen Spaziergänge über die Felder rund um Jüchen. Das Handy verbindet Willy Wimmer (66) mit Tokio und Sao Paulo im Minutentakt. Am Niederrhein ist er zu Hause, die Welt ist sein Operationsfeld. Wimmer beherrscht die lautlose Diplomatie. Nicht die Schlagzeile, das Ergebnis ist ihm wichtig. Er spricht mit den Machthabern in Nordkorea, er telefoniert mit den Warlords in Afghanistan, er tariert das Kräftespiel auf dem Balkan aus.
Ab Ende Oktober hat der freundliche Herr mehr Zeit für seinen Hund und noch längere Spaziergänge. Ob die Telefonate weniger werden, bleibt jedoch zweifelhaft. Auch wenn Willy Wimmer jetzt nach 33 Jahren aus dem Bundestag ausscheidet, so wird er doch ein gefragter Gesprächspartner bleiben. Mit dem Rechtsanwalt aus Jüchen verliert die Union ihren dienstältesten, erfahrensten Außenpolitiker und Sicherheitsexperten. Das wiegt schwer in einer Fraktion, die mit Gerhard Schröder zuletzt vor über vierzig Jahren einen Außenminister (1961 bis 1966) stellte.
Wenn sich am 27. Oktober der neue Bundestag konstituiert, wird Willy Wimmer fehlen. Erstmals seit 1976. Es war seine Entscheidung, nicht nach Berlin zurückzukehren. Das Ende einer bemerkenswerten politischen Karriere, die ihn als Staatssekretär in die Regierung und als OSZE-Vizepräsident zu internationaler Wertschätzung führte.
Mit Willy Wimmer verlässt aber auch ein Politiker die Bundesbühne, der es seinen Gegnern, seinen (Partei-)Freunden und sich selbst nicht immer leicht machte. Der "begeisterte Niederrheiner" (Wimmer über Wimmer) versteht "rheinischen Lösungen" nicht als "faule Kompromisse", weil nur Wege, nicht Ziele verhandelbar sind. Für seine Überzeugung riskiert er gar Brüche. So geschehen im Jahr 1989.
Willy Wimmer nahm als "Verteidigungsminister Üb" der Bundesregierung an der Nato-Übung "Wintex" teil. Als das Nato-Hauptquartier den Einsatz von Atomwaffen gegen Dresden in der damaligen DDR plante, verweigerte Wimmer die Zustimmung. Kohl stützte Wimmers Entscheidung, keine Atombomben – auch nicht übungsweise – gegen die ostdeutsche Bevölkerung einzusetzen, und zog die deutsche Beteiligung aus der Nato-Übung ab – vier Tage vor dem Ende. Bis heute ist Wimmer kein Fan der amerikanischen Politik.
Zu den Architekten der Einheit gehört Willy Wimmer. Als Staatssekretär ebnete er den Weg der Nationalen Volksarmee (NVA) in die Bundeswehr. Die Verschmelzung zweier Armeen gelang geräuschlos. Der CDU-Politiker Wimmer erreichte eine zweite Weichenstellung im Einigungsprozess: In Verhandlungen – im NGZ-Pressehaus – mit dem damaligen Chef der Ost-CDU, Lothar de Maiziére, durchbrach er die Sprachlosigkeit zur Bundes-CDU, so dass die beiden Parteien mit gemeinsamer Wurzel wieder zu einanderfanden. Daran wird Willy Wimmer denken, wenn er heute mit Pepper seine Runde dreht – und kein Handyanrufer stört . . .
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