Natur- und Landschaftserlebnisse (NGZO). Streifzug durch den Rhein-Kreis Neuss (14. Folge) Wenn Pilz und Alge eine Partnerschaft eingehen, entstehen Lebewesen der besonderen Art.
Rhein-Kreis Neuss Um diese frühe Uhrzeit gehört der Vorster Wald normalerweise den Joggern. Wer da nicht in Sportmontur flotten Schritts unterwegs ist, fällt sofort auf und macht sich irgendwie verdächtig. Erst recht, wenn dieser Jemand zwischendurch vom Weg abschweift, sich ins Gebüsch schlägt oder unvermittelt an Bäumen stehen bleibt, um diese auf sonderbare Weise zu betrachten: Das ist doch seltsam, oder? Nicht für Dr. Georg Waldmann. Denn er ist es, der sich an diesem herbstlichen Morgen in dem von Sportfreunden bevölkerten Waldstück für die NGZ-Serie "Streifzug" auf die Suche nach Flechten begibt.
Im Unterholz:
Beim nächsten "Streifzug" geht's um Pilze.
Der Biologe spricht von "eigenartigen Doppelwesen", denen er auf der Spur ist, von "Bioindikatoren", die ein deutliches Indiz dafür seien, dass die Luft sehr viel sauberer ist als noch vor zwanzig, dreißig Jahren. Insbesondere die hohen Schwefeldioxidkonzentrationen in der Folgezeit der Industriellen Revolution hatten zu einer dramatischen Verarmung der Flechtenvegetation geführt. Doch diese Entwicklung ist inzwischen gestoppt.
Flechten, sagt Waldmann, seien Ergebnis einer symbiotischen Partnerschaft von Pilz und Alge. Vereinfacht dargestellt, bildet der Pilz den Vegetationskörper und schützt die ihn ernährenden, weil Photosynthese treibenden Algen vor einer Reihe von äußeren Einflüssen. Aufseinem Spaziergang durch den Wald ist der Flechtensucher schon nach wenigen Minuten fündig geworden: Der blau-grau und grünlich schimmernde "Teppich", der gleichmäßig den Stamm bedeckt, springt ins Auge. An einem anderen Baum ist der Stamm dunkelgrün von Algen überzogen. Stecknadelkopfgroße helle Einsprengsel deuten an, wo auf sich Pilze dazugesellt haben und aus dieser Verbindung neue Flechten entstehen. "Die wachsen von innen nach außen", so Waldmann. Das eigentümliche, fast runde Gewächs – "Parmelia" – besitzt blattartige Ausprägungen, in der Mitte hat es eine krümelige Struktur: "Diese Krümelchen brechen ab und werden vom Wind verweht." Die Sporen haften irgendwo erneut an.
"Ableger", sagt Waldmann. Eine Birke am Rand des Sportplatzes Vorster Wald erweist sich als Flechten-Eldorado. An ihrem Fuß hat sich ein Biotop gebildet. Hier wachsen Becherflechten, hinzu kommt eine weitere Flechtenart, die in kleinen Büscheln zahlreiche filigrane Verästelungen ausbildet. "Eine Lebensgemeinschaft wie in der Tundra", meint der Pflanzenexperte und spricht angesichts der urtümlich aussehenden Flora von "eiszeitlichem Charakter". Zurück am Parkplatz Kaarster See geht Georg Waldmann zielstrebig auf einen Schlehenbusch zu.
"Das ist sie! Die habe ich gesucht!", ruft er und zupft einen Zweig des über und über mit Flechten bewachsenen Strauchs ab. "Eine Pflaumenflechte", erklärt er, "Evernia prunasti." Waldmann erzählt, dass diese auch Eichenmoos genannte Flechte Stoffe enthält, die in der Parfum- und Kosmetikindustrie Verwendung finden. Und noch etwas: Schon die alten Ägypter hätten bei der Einbalsamierung der Leichen Evernia prunastri benutzt.
Dann weist Waldmann noch auf einen dichten Flechtenrasen hin. "Wenn die trocken sind, fangen die an zu duften." Dabei vergisst er nicht zu erwähnen, dass bestimmte Arten nicht nur als Viehfutter, sondern auch als Nahrung dienen können – wie so vieles, was in der Natur sprießt und gedeiht.
Im Unterholz: Beim nächsten "Streifzug" geht's um Pilze.
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