Rhein-Kreis Neuss (NGZ). Rhein-Kreis Neuss Der Krefelder Hafen ist an diesem Abend nicht einmal für Industrie-Romantik zu gebrauchen: Regen peitscht durch die pechschwarze Nacht, die nur erhellt ist vom Blau und Gelb Dutzender flackernder Irrlichter. Ein verdreckter, dottergelber 200-Tonnen-Kran mit dem Schriftzug „Rocky“ ragt vor dem Wendebecken in die Höhe wie ein monströser Galgen.
Dahinter: graues Nichts. Würde ein Irgendwer hier zufällig vorbeischlendern, er könnte sich auf einem Rummelplatz in der Hölle wähnen, der nur aus Geisterbahnen besteht. Seine Hauptattraktion: ein knatterndes Monstrum, das aussieht wie ein Tausendfüßler auf Rollschuhen: 52 Meter lang, sieben Meter breit, fünf Meter hoch. Würde der Irgendwer näherkommen, sähe er: Das Monstrum ist ein überdimensionierter Schwertransporter der Firma Viktor Baumann.
Der Riesensattelzug sollte sich in der Nacht zu Dienstag von Krefeld über Meerbusch und Kaarst bis zur BoA-Baustelle in Neurath walzen. Seine Ladung: ein Wärmetauscher für das RWE-Kraftwerk.
Die Wegstrecke
Krefeld Hafen - Stratumer Straße - Ilvericher Straße - Xantener Straße - Osterather Straße - Strümper Straße - AS Kaarst Nord - Giemesstraße - Büttgener Straße - Kaarster Straße - Glehner Straße - Lindenstraße - Energiestraße - Am Stüssges End - Frimmersdorfer Straße - Zufahrt Kraftwerk Neurath.
„Für uns ist das Routine“, sagt Hauptkommissar Heinrich Hompesch, ein gemütlicher Mann mit grauem Igelschnitt und einer riesigen Uhr an seinem Handgelenk. 260 Schwertransporte habe die Polizei im vergangenen Jahr abgewickelt. „Wobei ...“, Hompesch hält einen Moment inne, „die Größe ist schon ungewöhnlich.“
Dabei wirkt die Ladung des Schwertransports selbst gar nicht einmal überwältigend. Ein grauer Zylinder der Firma Balcke Dürr liegt auf der Mitte des LKW, an dessen Achsen Reifen in Reihen zu jeweils acht montiert sind. Zwei Rohre ragen aus dem Bolzen heraus wie abgeschnittene Arterien. Eine Million Euro hat der Wärmetauscher gekostet, der mit Ketten an dem Transporter befestigt ist, später im Block F des BoA-Turmes installiert werden und wie ein gigantischer Durchlauferhitzer funktionieren soll.
Polizeihauptkommissar Bernd Hübner hat inzwischen eine Jacke mit Leuchtstreifen übergezogen. Er zieht sich die Mütze tief ins Gesicht und schreitet noch einmal durch das Pfützenmeer den Wagen ab. Eine Stimme knistert in seinem Funkgerät. „Geht’s los?“, fragt Hübner. Es knackt erneut, und der Polizist marschiert stramm zu seinem Wagen.
Auch der Schwertransport rollt nun, geräuschlos fast, vorne zieht und hinten schiebt ein LKW mit jeweils 600 PS. Eskortiert wird der Zug von Polizeiwagen und den gelben Mini-Bussen der Firma B.A.S., die wie die Arbeiter eines Ameisenstaates später Straßenschilder abmontieren werden, um den Weg freizuräumen. Die Schlange schiebt sich durch das Werkstor des Krefelder Hafens wie ein Castor-Transport - nur ohne Demonstranten.
Einen wichtigen Job haben Hauptkommissar Hompesch und sein Team bereits erledigt. „Wir sind die Strecke abgefahren und haben Halteverbotsschilder eingerichtet“, erklärt der Mann, der vier Sterne auf der Schulterklappe trägt. Anwohner, die ihren Wagen doch im Parkverbot abstellen, sollen mit dem Lautsprecher aus dem Bett gescheucht werden. Wer nicht hört, wird abgeschleppt. Und das ist teuer. 18 000 Euro kostet alleine der Transport der grauen Riesentonne; 53 Euro muss die Firma pro Polizeikraft berappen. Und wenn dieser Tross verzögert wird ...
Trotzdem sieht Georg Wandel so entspannt aus, als habe er gerade eine Kanne Kamillentee auf ex getrunken. „Um vier sind wir da“, sagt der Geschäftsführer der Transportfirma Viktor Baumann. Alles ist von vorne bis hinten durchgeplant. Wandel ist seit 35 Jahren im Geschäft, gelernter Speditionskaufmann. Ob er sich schon mal verkalkuliert hat? Mit der Zeit? Der Höhe? Dem Ausscher-Winkel des Wagens?
Wandels Mundwinkel verziehen sich zu einem spöttischen Lächeln: „Nein, nie.“ Der 2,1 Millionen teure Monster-LKW hat inzwischen auf 30 Stundenkilometer beschleunigt. Er rollt. Das ist wichtig. „Er soll bloß nicht zum Stillstand kommen mit dieser Masse“, beschwört Hauptkommissar Hompesch. Noch schlimmer wäre es, würde der Zug einen kleinen Schwenk mitbekommen. Der Schwung kommt hinten erst richtig an. Kaum auszudenken was wäre, wenn ...
Die B.A.S.-Männer in den orangen Jacken arbeiten wie mechanisch. Die Vorhut montiert die Schilder ab, die Nachhut steckt sie wieder in ihre Halterungen. Der Zug rollt. Längst hat er Meerbuscher Gebiet erreicht, Stratum und Lank-Latum passiert, in der Nähe von Haus Meer einen Knick nach Westen gemacht. Passanten säumen den Weg, knipsen mit ihren Digitalkameras.
Die motorisierte Stampede ist inzwischen angewachsen, wie der Wurm jenes Computerspiels wächst, je mehr Gegner er frisst. Auto um Auto reiht sich ein, bis der Zug den Bahnübergang Strümper Straße in Osterath erreicht. Fahrer Martin Klampfel stoppt das Monster. Mit seiner Schirmmütze sieht er irrwitzig klein aus im Verhältnis zu seinem Gefährt. Vierzig Minuten steht er vor dem Bahnübergang. Der Strom muss abgeschaltet, die Züge im Bahnhof geparkt werden. Das Zeitfenster könnte sich zu schließen. Verspätung droht.
Georg Wandel ist mit seinem BMW schon vorgefahren. Er sieht immer noch entspannt aus und wird gleich nach Hause fahren. Am Donnerstag muss er früh raus. Schon bald werden die nächsten Jumbo-Teile geliefert. Alles Routine.
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