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Journal: Eine neue Straße entzweit die Gemeinde

VON CHRIS STOFFELS - zuletzt aktualisiert: 01.09.2006 - 01:00

Journal (NGZ). Herr Glöckner, wie viel Überwindung hat es Sie gekostet, der Resolution im Gemeinderat zuzustimmen? Der Gemeinderat will die westlichste Trasse zwischen den Dörfern und die Frage der Umsiedlung der Hamster prüfen lassen.

Albert Glöckner Ich stehe zu dieser Resolution, und die Zustimmung ist mir leicht gefallen. Wir haben die Frage vorher in den Fraktionen beraten und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir nur einvernehmlich und gemeinsam handeln sollten.

Aber Sie haben vorher immer behauptet, die Gemeinde habe nur geringe Einflussmöglichkeiten auf die Straßenführung?

Glöckner Die tatsächlichen Einflussmöglichkeiten der Gemeinde sind gering. Aber wir sind noch in einem sehr frühen Stadium. In dieser Phase ist nur ein Korridor festgelegt, in dem Straßenführungen möglich sind. Und noch können wir Vorschläge machen, die dann gehört und bewertet werden. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Gemeinde nicht Herrin des Verfahrens ist und insgesamt 23 Behörden gefragt werden.

Es sind drei Linienführungen im Gespräch. Für welche würde sich der Bürgermeister entscheiden?

Glöckner Dazu muss erst feststehen, was überhaupt möglich ist. Mir kommt es in erster Linie darauf an, dass die Belastungen durch die neue Straße möglichst gering gehalten werden und die Straße auf eine hohe Akzeptanz stößt.

Kann es denn tatsächlich sein, dass die Feldhamster die ursprünglich vorgesehene Trasse verhindern können?

Glöckner Wir haben es hier mit Europäischem Recht zu tun, das die Bundesrepublik Deutschland in Nationales Recht umgesetzt hat. Und dagegen kommen wir kaum an . . .

Aber kann das politisch auch unter heutigen Vorzeichen noch gelten?

Glöckner Gesetz ist Gesetz - daran müssen wir uns halten. Allerdings stammen diese Vorgaben aus dem Jahr 1992. Damals mag der Feldhamster tatsächlich bedroht gewesen sein. Ob das heute noch der Fall ist, mag man angesichts der zahlreichen Vorkommen allein in Rommerskirchen bezweifeln. Vielleicht sollte der Gesetzgeber diese Vorschriften einmal überprüfen.

Und bei diesen Vorschriften hilft keine Ausnahme?

Glöckner Eine solche Ausnahme kann letztlich nur der Minister erteilen. Ich bin gespannt, wie die Überprüfung der Fragen, ob der Hamster umgesiedelt werden kann oder auf andere Weise trotz Straße dort weiterleben kann, ausfällt

Hoffnung, dass eine solche Ausnahmegenehmigung kommen kann?

Glöckner Ich möchte keine Hoffnungen wecken, die dann möglicherweise nicht erfüllt werden können.

Die Frage der Linienführung hat die Bürger in der Gemeinde gespalten. Es ist schon je nach Interessenlage für eine westliche oder eine östliche Trasse von „Wessis“ und „Ossis“ die Rede. Was sagen Sie zu solchen Auseinandersetzungen in der Bürgerschaft der Gemeinde?

Glöckner Ich kann die Sorgen der Menschen je nach der Betroffenheit nachvollziehen. Eine solche Straße verändert das Lebensumfeld. Dass es dabei zu Unbehagen und Ängsten kommt, ist nur natürlich.

Aber die Straße muss kommen...

Glöckner Sie ist eines der wichtigsten Projekte der Gemeinde zusammen mit den Umgehungsstraßen der B 59. Das Wichtigste für uns ist, dass die Straße überhaupt kommt. Die Belastungen der Bürger an den Ortsdurchfahrten vor allem in Butzheim,Frixheim, Eckum und Rommerskirchen sind unerträglich.

Die Straße war schon einmal auf einem aussichtsreichen Platz im Bundesverkehrswegeplan. Was kann die Gemeinde tun, damit die Umgehung diesmal realisiert wird?

Glöckner Wir dürfen uns nicht verzetteln und unsere Diskussionen und Entscheidungen nicht unnötig verzögern. Deshalb auch der Zusatz in der Resolution, dass wir darum bitten, dass wir bei Gefahren oder Verzögerungen bei dem Projekt sofort informiert werden.

Doch die Gemeinde hat nur einen begrenzten Einfluss?

Glöckner Der Bundesverkehrswegeplan wird alle fünf Jahre neu aufgelegt. Wir können nur hoffen, dass wir da auch weiter berücksichtigt werden und die bereits zugesagte Finanzierung nicht wieder in Frage gestellt wird.

Unter Umständen mit der neuen Straße verknüpft ist das Schicksal des höchst umstrittenen Baugebiets Fliederweg. Wie ist dort der Stand?

Glöckner Am Fliederweg besteht zurzeit kein Bearbeitungsbedarf. Das Verfahren ruht. Wir haben dort Vereinbarungen, ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Land Nordrhein-Westfalen, und das Land sieht derzeit keine Finanzierungsmöglichkeit.

Angenommen, die B 477 n bleibt im Plan. Wann könnten dann die ersten Autos über die neue Straße rollen?

Glöckner Ich habe die Hoffnung, dass bis zum Jahre 2010 Baurecht geschaffen wird. Nach zwei Jahren Bauzeit könnten dann 2012 die ersten Autos über die neue Straße fahren.

Wird eine solche Straße die Gemeinde verändern?

Glöckner Unser Ziel ist es, ein grünes Zentrum mit ländlichem Charme zu sein. Mit der neuen Straße soll dieser Anspruch untermauert werden. Ich denke mit einer vernünftigen Umgehung gewinnen viele Bürger ein ruhigeres, entspannteres und ausgeglicheneres Leben.

Mit dem Center am Park an der Schnittstelle der Bundesstraßen und dem im Bau befindlichen Mariannenpark könnte man den Eindruck gewinnen, die ländliche Gemeinde strebe danach ein Mittelzentrum zu werden?

Glöckner Wir wollen maßvoll und angemessen wachsen. Wir sind stolz darauf, dass wir nach einem Einwohnerrückgang zur Jahrtausendwende auf 12 300 Einwohner heute wieder bei 12 600 Bürgern sind. Das ist der Rahmen, in dem wir uns bewegen wollen.

Mit den Einkaufszentren bedienen Sie aber auch viele auswärtige Kunden. Bekommt die Gemeinde Rommerskirchen jetzt das ab, was die umliegenden Städte nicht auf ihrer grünen Wiese haben wollen?

Glöckner Diese Geschäfte kommen auch unseren Bürgern zu Gute. Heute können Sie in Rommerskirchen nicht vernünftig Schuhe oder modische Textilien einkaufen. Wenn der Mariannenpark steht, wird das möglich sein. Unsere Kaufkraftbindung hat sich von miserablen 42 Prozent auf leidliche 54 Prozent gesteigert, seit die Geschäftszentren geöffnet haben.

Und wie ist das mit den Kraftwerken und ihren riesigen Baustellen? Ist die Gemeinde nicht allein mit den Massen der Baustellenarbeiter überfordert?

Glöckner Wir Rommerskirchener haben seit Jahrzehnten gelernt mit den Kraftwerken zu leben. Die Industrie-Kulisse gehört einfach zu Rommerskirchen dazu. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele unserer Bürger in den Kraftwerken und der Chemischen Industrie auf der anderen Seite leben. Was die Baustellen angeht, haben wir frühzeitig damit begonnen, bei Privatleuten in der Gemeinde nach Quartieren nachzufragen. Dazu kommen zahlreiche Container, die aber zum großen Teil geschützt in Hofanlagen aufgestellt werden.

Wird die Gemeinde durch die neuen Blöcke zusätzlich belastet?

Glöckner Wir sorgen auf anderen Gebieten für mehr Lebensqualität: Kindertagesstätten, Schulen, Naherholung, neue Einkaufsmöglichkeiten - vieles wurde und wird verbessert. Aber immerhin steht ein Teil der Anlagen auf dem Gebiet der Gemeinde Rommerskirchen, sodass auch ein kleiner Teil der Gewerbesteuern in den Gemeindehaushalt fließt.

Das neue Gewerbegebiet am Ortsausgang Richtung Rommerskirchen wächst stark an. Ein Gegengewicht zur Industrie?

Glöckner Auch für dieses Gewerbegebiet wird die neue Umgebung ungemein wichtig. Wir setzen dort in erster Linie auf Handwerksbetriebe, die sich vergrößern möchten und auf überschaubare Betriebe. Mit diesem Konzept haben wir guten Erfolg.

Liegt die Zukunft der Gemeinde nicht doch auch im industriellen Bereich?

Glöckner Natürlich hoffen wir, dass sich der eine oder andere Dienstleister oder Zulieferer für die Kraftwerke in Rommerskirchen ansiedelt. Und wie die gesamte Region hoffen wir darauf, dass die gesamte Service-Industrie langfristig aus dem Ruhrgebiet in die Nähe der Kraftwerke siedelt. Das könnte der gesamten Region einen wirtschaftlichen Aufschwung geben.

Verstört es Ihre Bürger, insbesondere die Neubürger, nicht, wenn sie bewusst aufs Land ziehen und dann die Industrie immer näher rückt?

Glöckner Ich glaube nicht: Wir haben die Blöcke ja jetzt bereits in unmittelbarer Nähe. Und in anderen Dörfern entstehen sogar unmittelbar an den Kraftwerken neue Baugebiete.Offenbar wird das von vielen Menschen nicht als störend empfunden.

Bei allem Bemühen um Gewerbe - was tun Sie für die Landbevölkerung?

Glöckner Wir versuchen jeder unserer 17 Ortschaften ein eigenes Profil und Gepräge zu geben. Das reicht von der intensiven Pflege des Brauchtums, der Vereine, der Feuerwehren bis hin zu Projekten, die von den Bürgern ausgehen und die von der Gemeinde dann finanziell unterstützt werden. Das kann die Pflege einer Kapelle oder die Umwandlung einer alten Schule in ein Begegnungs- oder Schützenhaus sein.

Braucht die Gemeinde eine weiterführende Schule in ihren Mauern?

Glöckner Das wäre sicherlich wünschenswert. Aber es ist zurzeit nicht zu realisieren. Von der Bezirksregierung in Düsseldorf wird der Bedarf für eine solche Schule nicht gesehen. Und in Eigenregie würde eine solche Schule die Finanzkraft der Gemeinde übersteigen.

Wo steht Rommerskirchen in zehn Jahren?

Glöckner Ich hoffe, wir sind dann weiterhin eine aufstrebende Gemeinde im Grünen mit immer noch gesuchtem ländlichem Charme und schönen Orten, die von den Umgehungsstraßen entlastet sind.

Und mit wie viel Einwohnern?

Glöckner Ich schätze 13 000 - der Rat hat als Ziel 14 000 formuliert.

Quelle: NGZ


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