Rhein-Kreis Neuss (NGZ). Köln/Rhein-Kreis Neuss Ein dicker Mann mit Schlabberhemd schlurft „Am Stellwerk“ entlang. Er zieht eine Sackkarre hinter sich her, zwei Wasserkästen stapeln sich darauf.
Die Strähnen seines Haares sind vom Schweiß an die Stirn geklebt, er schaut ein wenig verdrießlich drein. Der Mann wirkt wie eine moderne Version von Sisyphos, der immer wieder einen Stein den steilen Hang hinaufschieben muss, und immer wieder rollt der Stein den Hang hinunter. Könnte man diesem Bild eine Comic-Sprechblase hinzufügen, über dem Kopf des Mannes stünde: „Warum nehme ich nicht das Auto? Warum fahre ich nicht zum Getränkemarkt, lade die Kisten in den Kofferraum und fahre vor meine Haustür, fertig?!“
„Wir haben notariell beglaubigt, auf den Pkw zu verzichten“, liefert Hans-Georg Kleinmann die Antwort darauf. Auch er ist Bewohner der autofreien Siedlung „Stellwerk 60“ im Kölner Stadtteil Nippes. Kleinmann (54) ist Vorsitzender des Vereins Nachbarn 60. Er trägt einen Hut, ein Kanarienvogel-gelbes T-Shirt mit Hosenträgern und sieht ein wenig aus wie eine Mischung aus Indiana Jones und einem Zimmermann auf der Walz. Mit 18 hatte Kleinmann einen Mercedes, später einen Golf, seit 15 Jahren lebt er ganz autofrei. „Downsizing“ nennt der 54-Jährige seinen Lebensentwurf; das Modell der autofreien Siedlung indes wird in immer mehr Städten gelebt: Münster, Hamburg, Freiburg ...
Es ist auch eine Frage von Kosten und Umwelt, eine Frage des Prinzips in einer aufgeheizten Debatte um Spritpreise, Feinstaub und Klimawandel. Würde das Konzept auch im Rhein-Kreis Neuss funktionieren?
Dorothea Rendel ist Fachdienstleiterin des Bereichs Stadtplanung in Grevenbroich. Die Idee findet sie „sehr, sehr schön“. Doch funktioniere das Konzept nur in größeren Städten mit Bussen und Bahnen, die in einer hohen Taktdichte fahren, in der eine Einkaufs- und auch eine soziale Infrastruktur in unmittelbarer Nähe vorhanden sei. In Grevenbroich wäre das Modell nicht umsetzbar. „Zu dezentral, zu ländlich“, sagt Rendel.
Am „Stellwerk 60“ ist alles eine Steinwurfweite entfernt. Es gibt Karren, Fahrradanhänger und auch einen Lieferservice. Vor der Tür fährt die S-Bahn. Hans-Georg Kleinmann steuert auf das Zentrum der Siedlung zu. Zwei Mädchen fahren mit Einrädern die Straße entlang, ein Vater mit seinem Sohn spaziert vorbei, es wird gegrüßt, man kennt sich. Es ist ein Bild wie aus einer Werbebroschüre für eine bessere Welt. Fast schon irreal wirkt das Idyll.
Immerhin 400 Wohnungen und 70 Einfamilienhäuser stehen wie Legosteine auf dem Gelände, die Fassaden in cremigen Weiß-, Orange- und Terracotta-Tönen gestrichen, es wird noch angebaut. Es gibt eine Mobilitätszentrale, einen Sicherheitsdienst, einen Pavillon für Gruppenversammlungen, die Bewohner können sich Bierbänke kostenlos ausleihen, jedes Haus hat eine Tiefgarage mit Miniaturparkplätzen für Fahrräder. Und wie kommen die Kinder zur Schule, gibt es Fahrgemeinschaften? „Gehgemeinschaften!“, verbessert Kleinmann.
„Autofrei“ und „Kinder“ sind ohnehin die beiden wichtigsten Faktoren, sie bedingen einander. Das kann auch der Dormagener Architekt Detlev Falke bestätigen. Er hat bereits vor Jahren eine autofreie Siedlung am Kornblumenweg in Rheinfeld initiiert. Dreizehn Häuser, eine 80 Meter lange Straße, ein Kirschbaum in der Mitte. Die Kinder können hier auf der Straße spielen. Die Bewohner sind zufrieden. „Wir haben null Fluktuation“, sagt Falke. Ganz auf das Auto verzichten, mögen die Anwohner indes nicht. Die Straße ist von Pollern abgesperrt, die Bewohner haben einen Schlüssel.
„Es ist ja nicht so, dass Bewohner einer autofreien Siedlung nur mit dem Bollerwagen herumlaufen“, sagt Falke. Man werde schnell in die ideologische Ecke gedrängt. Auch in der südlichen Furth hat man einen autofreien Komplex. Auf seinen Wagen verzichten muss dort kein Anwohner.
„Autofrei, das hört sich in Sonntagsreden immer super an, doch wenn’s ernst wird wollen viele Bürger nicht auf das Auto verzichten“, sagt Stefan Pfitzer, Neusser Planungsdezernent. Immerhin 20 Prozent der Bewohner des „Stellwerk 60“ dürfen ein Auto haben. Ein grauer Quader, das Parkhaus, liegt am Rande der Siedlung. „Viele Parkplätze stehen leer“, sagt Kleinmann. In Köln-Nippes hängt ein ideologischer Dunst durchaus in der Luft. Viele Lehrer wohnen hier, Sozialpädagogen, Medienschaffende. „Es ist auch sehr multikulturell“, sagt Kleinmann, „20 or 30 different Nationalities live here.“ Steve Melia hört gebannt zu. Der drahtige Engländer, freier Journalist, reist mit dem Fahrrad durch Europa. In seiner Heimat engagiert er sich für „Carfree U.K.“, den britischen Ableger der autofreien Siedlung. Er hat sich bereits in verschiedenen Ländern umgesehen.
„In Abu Dhabi entsteht derzeit eine autofreie Stadt“, sagt Melia. Nun wird klar: Das autofreie Leben ist auch eine Frage der Einstellung. Die Benzinpreise sind in den Vereinigten arabischen Emiraten wohl nicht der Grund.
Am Dienstag in der NGZ: Interview „Soziale Identifikation“
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