An Erziehungsratgebern besteht kein Mangel, wohl aber an Erziehung - die Diagnose stellt ein Experte, Dr. Jan-Uwe Rogge, der jetzt im Rahmen der Lehrerfortbildung des Schulamtes für den Kreis Neuss in der Aula des Neusser Quirinus-Gymnasiums sprach.
Rogge, Germanist und Sozialwissenschaftler, ist einer der gefragtesten Fachleute wenn es um Familie, Kindheit und Jugend geht. Auch wenn der Vater eines Sohnes mitunter die Flut der Erziehungsratgeber kritisiert, mit seinen zahlreichen Veröffentlichungen trägt er selbst dazu bei, die Fachabteilungen der Buchhandlungen zu füllen. Sein Bestseller: "Kinder brauchen Grenzen", ein Buch, das inzwischen über eine halbe Million Mal verkauft wurde. Doch Rogge trifft nicht nur in seinen Büchern den - oft gespannten - Nerv vieler Eltern, auch "live" bringt er Probleme zwischen Erwachsenen und Kindern mit großer analytischer Schärfe auf den Punkt.
Die Themen sind vielfältig und werden den meisten "Erziehungsberechtigten", wie es im Amtsdeutsch heißt, nicht unbekannt sein: Aggressivität, Gewalt, Verweigerung, Resignation, Stress und Streit. Dabei ist Rogge niemand, der auch angesichts tiefgreifender Erziehungsprobleme gleich den Untergang des Abendlandes prophezeit, wie es derzeit manche Autoren tun, die vom Boom der Erziehungsliteratur nebst zugehöriger Seminar- und Workshop-Welle profitieren wollen. Rogges Motto lautet "Handeln!". Aufzeigen, was schiefgelaufen ist oder woher Fehlentwicklungen kommen, reicht seiner Meinung nach nicht aus. Da ist das Thema Gewalt keine Ausnahme. "Was Heranwachsende brauchen, sind Räume, wo sie sich austoben können und Pädagogen, an denen sie sich orientieren und reiben können", so die Meinung des freiberuflichen Familien- und Kommunikationsberaters.
Klar sei, dass das viel diskutierte Thema "Verrohung der Jugend" nicht "kostenneutral" bewältigt werden könne. Letztlich seien die Kinder stets das Produkt der Gesellschaft, in der sie leben. Ihnen müsse deutlich gesagt werden: "Wir tun etwas für euch, wir sind bereit, für euch zu investieren." Ein Schritt könne zum Beispiel der Ausbau bestehender Institutionen sein, etwa eine Erweiterung der Schule zur verlässlichen Ganztagseinrichtung. Doch nicht nur Pädagogen, auch Eltern ermutigt Rogge zu einem partnerschaftlichen Umgang mit ihren Kindern.
Mit seinem neuen Buch "Ohne Chaos geht es nicht. 13 Überlebenstipps für Familien" (Rowohlt Verlag, 29,80 Mark) zum Beispiel bricht er eine Lanze für die "Kunst des Durchwurstelns" in der Erziehung. Rogge analysiert die täglich wiederkehrenden Ereignisse, die in vielen Familien für "dicke Luft" sorgen: Papa schafft es nicht rechtzeitig vom Büro nach Hause, die Kleinen trödeln, bis den Eltern der Geduldsfaden reißt und Erziehungsfragen werden zum Streitpunkt zwischen Vater, Mutter und Großeltern. Das Fazit Rogges: Chaos ist das halbe Leben, und keine Familie kann perfekt sein. Kinder allerdings können damit oft besser leben als Eltern, die auf bestimmte Ideale fixiert sind und dem eigenen Perfektionismus in die Falle gehen. ki
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