Rhein-Kreis Neuss (NGZ). Rhein-Kreis Neuss Für viele ist er der Chef. Er kann mit Werkzeug umgehen, teilt Kakao oder Milch aus und nimmt das Geld an. Er hat eine laute Stimme und sorgt auf dem Schulhof für Ordnung, wenn’s mal drunter und drüber geht. Dass er in der Regel keine pädagogische Ausbildung hat, spielt keine Rolle. Als einziger erwachsener Mann, den die Kinder mitunter bis 16 Uhr sehen, hat er für viele das Sagen - der Hausmeister.
In der fast männerlosen Welt an den meisten Grundschulen kommt dem „Mann für alle Fälle“ damit eine ungeahnt „wichtige pädagogische Bedeutung zu“, sagt Schulrätin Ursula Schreurs-Dewies. Emanzipation hin, Emanzipation her - für viele Erst- und Zweitklässler stellen erwachsene Männer eher eine Autoritätsperson dar als Frauen. Das gelte gleichermaßen für Mädchen wie für Jungen, weiß Schreurs-Dewies.
Viele Kinder im Grundschulalter hätten kein männliches Vorbild. Entweder seien die Väter beruflich derart eingespannt, dass sie ihre Kinder nur selten sehen oder sie seien eben gar nicht präsent, weil die Eltern sich getrennt haben und die Kinder ihren Vater nur selten, manchmal sogar gar nicht mehr zu Gesicht bekommen.
„Jungen können sich nicht mit ihrer eigenen Rolle identifizieren, wenn sie sich nur an Frauen orientieren“, sagt Ursula Schreurs-Dewies. Und sie weiß, dass sowohl Grundschul- als auch Kindergartenkinder es genießen, wenn sie von Männern unterrichtet/betreut werden. „Lehrer sind für die Kinder immer ein Modell“, sagt Jutta Bellen, Leiterin des schulpsychologischen Dienstes des Rhein-Kreises.
Da fast ausschließlich Frauen unterrichten, fehle die männliche Rolle. Dass zwei Drittel der Kinder im Grundschulalter, die zu einer Beratung angemeldet werden, Jungen sind, weil sie Auffälligkeiten in ihrem Verhalten wie auch in ihrer Leistung zeigen, spreche für sich, meint die Psychologin.
Die meisten Lehrer, die im Grundschuldienst sind, haben die 40 überschritten. Es mangelt an Nachwuchs. Woran liegt’s? „Diese hoch anspruchsvolle Arbeit wird nicht entsprechend gewürdigt“, sagt Schreurs-Dewies. „Ach, du spielst mit Kindern“ heißt es mitunter, wenn einer erzählt, er sei Grundschullehrer.
„Vielleicht sind für viele auch die Aufstiegschancen nicht attraktiv genug“, vermutet die Schulrätin. Man steige mit der Besoldung A12 ein und könne dann nur noch auf A13 klettern, wenn man die Schulleitung übernimmt. „Studiert man nur ein wenig länger für den Unterricht in der Sekundarstufe 2 erhält man sogleich ein A13-Gehalt, und die Karrierechancen sind wesentlich vielfältiger“, erklärt die Fachfrau.
Und dennoch, es gibt sie noch, die Männer, die sich dazu berufen fühlen, Grundschüler zu unterrichten, auch wenn sie oft - abgesehen vom Hausmeister - „allein unter Frauen“ sind. Einer von ihnen ist Theo Huppertz. Seit 18 Jahren unterrichtet der Nettesheimer Allrather Kinder, vorher war er an der Grundschule in Rommerskirchen. „Für manche Kinder bin ich regelrecht Vater-Ersatz“, weiß der 58-Jährige, der es nicht verstehen kann, dass der Beruf bei Männern nicht sonderlich beliebt ist. Huppertz findet es toll, junge Menschen zu fördern.
Noch ziemlich „neu im Geschäft“ ist Marc Adams. Der 29-Jährige unterrichtet seit anderthalb Jahren an der Katholischen Grundschule in Kaarst - gemeinsam mit 14 Kolleginnen. „Wenn ich erzähle, dass ich Lehrer bin, wird das wohlwollend zur Kenntnis genommen, sage ich Grundschullehrer, steht die Frage im Raum, ob es denn nicht zu mehr gereicht hätte“, sagt der Pädagoge und lacht. Adams hält seine Tätigkeit für sehr anspruchsvoll und auch sehr schön, weil man viel bewegen kann und von den Kindern viel zurück bekommt. Seiner Meinung nach müsse die Arbeit eines Grundschullehrers allerdings transparenter gemacht werden.
Auch Jens Päuser ist Grundschullehrer aus Überzeugung. Der 31-Jährige unterrichtet seit zweieinhalb Jahren an der Pastor-Jacobs-Schule in Lank, seit 18 Jahren der erste Lehrer dort. „Ich weiß ja noch gut, wie ich in der Pubertät war, daher wollte ich lieber in einer Grundschule unterrichten“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Mit 750 Studenten habe er angefangen - „mit Glück konnten wir hin und wieder eine Fußballmannschaft aufstellen.“
„Männer müssen an die Grundschule“ lautet seine These, doch er weiß auch, dass Pädagogik in der Gesellschaft immer noch fast ausschließlich mit Frauen in Verbindung gebracht wird. Zwei Männer und 15 Frauen hat Dieter Aldenhoff in seinem Team. Er ist Schulleiter an der Adam-Riese-Grundschule in Büderich. „Vielleicht finden viele Männer es nicht angemessen, Grundschul-Stoff zu vermitteln“, vermutet er. Dabei sei es ein Phänomen, dass Kinder, die weder lesen noch schreiben können, dazu nach wenigen Monaten in der Lage sind. Das ist offenbar für viele Lehramtsanwärter nicht phänomenal genug.
Am Donnerstag in der NGZ: Porträt Theo Huppertz
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