Rhein-Kreis Neuss (NGZ). Rhein-Kreis Neuss Der Weg zum Glück führt in einen Raum mit dem Flair des Gewölbekellers einer Ritterburg. Es ist das Hinterzimmer der Bar „Stadtgeflüster“ am Hamtorwall in Neuss. Düster ist es hier und kühl, und während draußen die Sonne auf den Asphalt brennt, sitzen unter der grob gemauerten Steinkuppel acht Personen um einen Tisch, der bezogen ist mit rotem Filz. Plastikchips in verschiedenen Farben liegen vor den Personen, die sie klappernd durch ihre Finger gleiten lassen, zwei Karten liegen verdeckt vor jedem.
Es ist eine Pokerrunde, wie man sie aus Filmen kennt, nur geraucht wird dort nicht - und versteckte Waffen oder ein Ass im Ärmel hat vermutlich auch niemand.
„Wir wollten die verqualmten Strukturen aufbrechen“, sagt der Uedesheimer Lars Rautenberg, der mit seinen Freunden Tobias Kohnke und Marc Scheeben das Turnier organisiert hat. Das Trio betreibt die Veranstaltungsagentur Poker for Rent. Längst hat der Boom den Rhein-Kreis erreicht. Veranstalter wie The-Nuts-Poker (Dormagen) oder GPM (Meerbusch) oder eben Poker for Rent (Neuss/Duisburg) drängen auf den Markt, noch bis zum 29. April (Beginn: 1. April) wird die „1. Dormagen Open Stadtmeisterschaft“ ausgetragen.
Spiel-Varianten
Draw - Jeder Spieler erhält fünf Karten auf die Hand
Stud - Jeder Spieler erhält offene und verdeckte Karten
Hold’em - Jeder Spieler erhält verdeckte Karten. Hinzu kommen offene Karten
für alle Würfel-Poker
10 000 Euro Erspartes verzockt
Bei der Fachstelle Glücksspielsucht in Neuss betrachtet man das steigende Interesse am Pokern mit Bauchschmerzen. „Wir hatten in der Beratung schon einen Jugendlichen mit seinen Eltern, der sich das Studium mit Pokern finanzieren wollte“, sagt Michael Weege, Berater bei der Fachstelle. Erst hat er gewonnen und dachte, er könne den großen Coup landen. Doch dann waren 10 000 Euro Erspartes weg.
Michael Weege: „Solange nur um Spielgeld gespielt wird, ist es einfach hohe Gewinne zu erspielen. Das ändert sich dann deutlich, wenn um echtes Geld gespielt wird“.Weltweit ins Visier geraten ist insbesondere der Online-Poker. Ob in Frankreich, Finnland oder den USA - überall haben Politiker ein Verbot erwogen. Von einer Generation der Pokersüchtigen zu sprechen, wäre sicherlich zu hoch gegriffen, doch: „Beratungsanfragen bei neuen Spielphänomenen kommen bei uns immer zeitverzögert an, weil die dadurch entstehenden Probleme einem Entwicklungsprozess unterliegen“, sagt Weege.
Ein Streit zwischen Pokerfans und -gegnern ist inzwischen über den Terminus „Glücksspiel“ entbrannt. Für Pokerspieler ist die gängige Variante No Limits Texas hold’em pure Mathematik, nur wer rechnet hat eine Chance. Jeder Spieler hält zwei Karten, dazu werden fünf Karten, mit denen das eigene Blatt ergänzt wird, hintereinander aufgedeckt.
Die Spielart ist nicht vergleichbar mit dem Draw-Poker, der früher in der verrauchten Kellerbar gezockt wurde. Um Geldgewinne geht es auch im „Stadtgeflüster“ nicht - das ist ohnehin verboten. Dennoch knistert die Atmosphäre. Fünfzehn Euro Einsatz hat jeder Spieler investiert, dem Sieger winkt eine Spielkonsole von Nintendo, die die Neusser Geschäftsstelle einer Versicherung gesponsert hat.
Lars Rautenberg und seine Freunde sind in jedem Fall Gewinner. Sie haben bereits Anfragen von Restaurants, die Turniere austragen wollen. Doch der 31-Jährige weiß genau: „Auch dieser Boom wird vorüber gehen.“
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